Spazierganggeschichten I

spazierganggeschichten2

Berlin, dieser pulsierende Schmelztiegel voller gestrandeter Existenzen, zerplatzter Träume, Selbstverwirklichungsdrang und ein bisschen Bohème. Hier liegen die Geschichten auf der Straße. Ich halte ein paar von ihnen fest.

Gott fährt nicht U1

Mittwochabend in der U1 Richtung Uhlandstraße. Ich bin auf dem Weg zu einer Lesung in Schöneberg, über die ich einen Bericht schreiben soll. Neben mir auf der Sitzbank – gemustert im typischen schwarz-pink-blau-weiß-Wirrwarr der Berliner U-Bahnen – sitzt ein älterer Herr. Er sieht verlottert aus und riecht streng, sein Körper schwingt synchron mit dem Ruckeln der Bahn vor und zurück, fast fällt er mir auf den Schoß. Ein paar Minuten lang erwarte ich, dass er gleich bewusstlos in den Gang kippt.

Doch dann öffnet er plötzlich die Augen, richtet seinen Oberkörper auf, wirft die Arme in die Luft und schreit durch den Waggon: „Ich warte jeden Tag auf die göttliche Erlösung!“. Erschöpft sackt er danach in sich zusammen und fängt leise an zu schnarchen.

————————————————————–

„Kommen Sie aus München?“

Montagmorgen, Haltestelle Kochstraße / Checkpoint Charlie. Auf dem Bahnsteig stehen nur vereinzelt Menschen, es ist noch recht früh. Ich warte auf die U6 Richtung Alt-Mariendorf, als mir plötzlich ein Mann von hinten auf die Schulter tippt:

„Entschuldigen Sie, darf ich Sie etwas fragen?“
„Aber natürlich“
„Kommen Sie aus München?“
„Ähm nein, wieso? Sehe ich so aus?“
„Ja!“

Ich schaue ihn verdutzt an, während er sich mit einem leichten Lächeln umdreht und zum Ausgang geht.

————————————————————–

„Du hast ne Freundin?!“

Sonntagabend, Kottbusser Tor. „Mann ey, isch werd einfach nich gesund!“ beschwert sich ein schwarzhaariges Mädchen bei ihrer Freundin, das Make Up in fünffachen Schichten ins Gesicht gespachtelt, die knallroten Fingernägel zu langen Krallen gewachsen. Unter ihrer dünnen Kunstlederjacke trägt sie ein bauchfreies pinkes Top, ihre aufgepumpten Brüste, die sich auch bei schneller Bewegung nicht einen Milimeter bewegen, hängen ihr fast unter den Ohren. Draußen sind es 3 Grad.

„Weissu, langsam tu isch echt die Interesse verliern an dem!“
„Warum?“
„Schreibt der mir auf Facebook: ‚Ey, du bist ja dauernd online!‘ – Isch so: ‚Ey du Opfer, isch bin grad erst online gekommen, du bist den ganzen Tag online, was machst du hier eigentlisch?“ – Der so: ‚Isch stalk‘ meine Freundin!‘ – Isch so: ‚Du hast ne Freundin?‘ – Der so: ‚Ja klar ey du Tussi, disch!‘ – Voll der Spinner, ey.“

spazierganggeschichten