Spazierganggeschichten III

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Berlin, dieser pulsierende Schmelztiegel voller gestrandeter Existenzen, zerplatzter Träume, Selbstverwirklichungsdrang und ein bisschen Bohème. Hier liegen die Geschichten auf der Straße. Ich halte ein paar von ihnen fest.

Mr. Samtanzug und die digitale Bohème

Ein gewöhnlicher Mittwoch um die Mittagszeit. Das St. Oberholz am Rosenthaler Platz in Mitte ist wie gewöhnlich gut gefüllt, eine Steckdose für den eigenen Laptop ist nur mit viel Glück zu finden: Hier sitzt die „digitale Bohème“ bei Latte Macchiato und (exzellenter) hausgemachter Quiche und brütet über ihren Projekten – oder tut zumindest geschäftig.

Hornbrillen und Macbooks bestimmen das Bild, ein leises Café-Grundrauschen surrt im Hintergrund, als plötzlich ein Mann um die 30 die obere Etage betritt: Er trägt einen weinroten Samtanzug, sein Gesicht wird von schulterlangen, zotteligen Haaren und einem Vollbart eingerahmt. Mitten auf der Etage bleibt er stehen, zieht einen zerknitterten Papierzettel aus einer Hosentasche und beginnt, mit tiefer Stimme ein Gedicht von Allen Ginsberg vorzulesen. Die Irritation der Gäste ist gering, nur wenige lösen ihren Blick vom Bildschirm – wir sind hier schließlich in Berlin!

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„Das ist auch ein Stück weit mein Tag!“

Dienstagnachmittag im Epizentrum von Prenzlauer Berg: Der Kollwitzplatz ist bevölkert mit einer Auswahl von „Prenzlberg Muttis“, die in den Medien sooft verhöhnt werden – und über die jedes Klischee tatsächlich irgendwie Hand und Fuß hat. Ich bin auf dem Weg nachhause, als neben mir eine Frau ruckartig mit dem Fahrrad bremst, auf dessen Gepäckträger ein Kindersitz angebracht ist. Darin sitzt ein Kind mit Janosch-Fahrradhelm, ungefähr 2 1/2 Jahre. Es heult und zieht geräuschvoll Rotz hoch.

„Jonas-Elia, jetzt hör‘ endlich auf zu heulen! Ich seh das überhaupt nicht ein: Ich kümmere mich DEN GANZEN TAG von morgens bis abends um dich, ziehe dich an, bringe dich in die Kita, mache dir Mittagessen und fahre dich durch die Gegend – UND DU HEULST MICH DIE GANZE ZEIT SO BLÖD VON DER SEITE AN!“

Ich kann ein Kichern nur mühsam unterdrücken, das ist ja wie im Film, denke ich – die Mutter wirft mir einen vernichtenden Blick zu, dreht sich dann wieder zu ihren Kind und wirft ihm grimmig entgegen: „JONAS-ELIA, DAS IST AUCH EIN STÜCK WEIT MEIN TAG!!“

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„Warum bist du denn so feindselig? Die Sonne scheint doch!“

Freitagmorgen, 5.30 Uhr, Prenzlauer Berg. Ich bin auf dem Weg ins Büro, was ich – wie jeden Morgen – innerlich lautstark verfluche. Als ich an der Kulturbrauerei auf die Danziger Straße abbiege, um zur Haltestelle der U2 zu gelangen, läuft auf einmal ein Mann neben mir her. Er ist höchstens Anfang 20 und leicht angetrunken.

„Hallo, ich bin der David, wer bist denn du?“
„Das geht dich nichts an.“
„Warum bist du denn so feindselig? Die Sonne scheint doch!“
„Es ist 5.30 Uhr. Ich bin seit einer halben Stunde wach. Ich möchte jetzt nicht reden.“
„Aber ich wollte dich fragen, ob du mir den Weg zu einer Bar sagen kannst?“
„Wie heißt die?“
„Hmm, das hab ich vergessen“
„Wo ist die ungefähr?“
„Hmm. Mitte?“
„Mitte ist groß“
„Vielleicht auf der Friedrichstraße?“
„Da kenn ich keine Bar, aber nimm‘ einfach die U2 bis zur Stadtmitte oder so“
„Nee, das ist doch falsch, ich kann doch auch zur Schönhauser und dann mit der S-Bahn runter?“
„Wenn du es weißt, warum fragst du mich denn dann?“

So geht die Diskussion weiter, er folgt mir die Stufen hoch zur Bahn, bequatscht mich dabei lautstark und beginnt zu schimpfen, als er merkt, dass ich ihn ignoriere. „Du bist wohl auch eine von diesen zugezogenen Schlampen, die sich für was besseres halten, hä?“ schreit er quer über den Bahnsteig, die Leute gucken, ich beginne innerlich zu brodeln, sage aber nichts. Es ist nicht immer einfach in dieser Stadt, denke ich, und atme tief durch. Der Jüngling lamentiert wie ein Rohrspatz, spuckt sein gesamtes Schimpfwörterrepertoire auf die Gleise – kurz bevor ich dem Drang nachgebe, dem Typen mit aller Kraft in die Weichteile zu treten, kommt zum Glück die Bahn und bringt mich ins sichere Büro.