Spazierganggeschichten IV

DSCF5158Berlin, dieser pulsierende Schmelztiegel voller gestrandeter Existenzen, zerplatzter Träume, Selbstverwirklichungsdrang und ein bisschen Bohème. Hier liegen die Geschichten auf der Straße. Ich halte ein paar von ihnen fest.

„Möchten Sie einen Gesprächseinstieg kaufen?“

Wir sind mit ein paar Leuten zum Musik machen im Allmende Kontor verabredet, einem großen Gemeinschaftsgarten auf dem Tempelhofer Feld. Diverse Blumen und allerlei Gemüse stehen in voller Pracht in den Hochbeeten, während wir auf einer selbstgezimmerten Bank sitzen und fröhlich auf Djembes und Trommeln klopfen.

„Hallo ihr, darf ich euch kurz stören? Möchtet ihr vielleicht einen interessanten Gesprächseinstieg kaufen? Sie kosten nur 50 Cent pro Stück“, unterbricht uns ein Mann ca. Mitte 30 mit wilden blonden Locken, er trägt ein schlabberiges Karohemd und Armyhosen.

Einen interessanten was? Moooment – das kommt mir doch bekannt vor! Erst kürzlich hatte ich den Roman „Tempelhofer Feld“ von Lesebühnenliterat Thilo Bock gelesen, in dem dieser besagten Typen in eine literarische Figur umwandelt. Ich kann mir ein dickes Grinsen nicht verbreiten und lasse mir seine Auswahl an Texten zeigen. Wieso eigentlich nicht? Allein aufgrund der Tatsache, dass mir hier eine Person aus einem Buch leibhaftig gegenüber steht (okay, so abwegig ist es in diesem Fall gar nicht), kaufe ich ihm zwei Gesprächseinstiege ab. Und frage mich nach der Lektüre, wie wohl ein Gespräch verlaufen würde, welches ich SO beginne?

„Die Menschen!“
„Koennen! Anfangs!! Schwach
sein, wie kleine Kinder!!!
Doch!! Mit einem aufrechten, biographisch-originellem Dasein!
Werden Sie!!! Er!! Und Es! Das Produkt in einem!!
Selbstbewusstsein!! Dieser Erde!!!“

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Striche zeichnen auf der Linie 1

Ein Samstagnachmittag im Sommer, aus unerfindlichen Gründen habe ich mich mit unzähligen anderen Menschen entschieden, auf den Ku’Damm zu fahren. Auf dem Rückweg ist die U1 Richtung Kreuzberg brechend voll, es gibt kaum noch Stehplätze und so gut wie gar kein Durchkommen. Einen Mann mittleren Alters interessiert das nicht. Er schiebt sich mit aller Seelenruhe durch den wackelnden Gang und balanciert einen Zeichenblock vor sich her, bleibt vor jedem einzelnen Fahrgast stehen.

Ich kann zunächst nicht erkennen, was er da treibt – bis er vor mir steht und mich höflich fragt:
„Würden Sie mir bitte einen Strich auf dieses Blatt Papier malen?“
Ich schaue ihn an, runzle kurz etwas verwirrt die Augenbrauen und nehme den Bleistift, den er mir hinhält. Vor mir haben tatsächlich bereits etliche andere einen Strich hinterlassen, mal dick, mal zart, mal fordernd und fest aufgedrückt, mal kaum zu erkennen. Ich setze einen kurzen Strich dazu.
„Danke“, sagt er leise, und wendet sich dem nächsten Fahrgast zu.

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„Darf ich dir ein Gedicht aufsagen?“

Es ist Silvester, wir feiern wie jedes Jahr mit der Samba-Band auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain. Hier ist unser Proberaum, hier können wir nach Mitternacht ungestört eine Weile richtig laut trommeln und die Menge zum tanzen bringen. Das Gebäude, in dem sich eine kleine Bar namens „Küste“ befindet, ist schon lange ein beliebter Aufenthaltsort für „nonkonformistische Individualisten“, weshalb ich an Begegnungen mit seltsamen Menschen gewöhnt bin. Selten sind sie allerdings so charmant wie in dieser Silvesternacht.

„Du, darf ich dir ein Gedicht aufsagen?“, fragt mich ein Typ mit blonden Locken und runder Brille, während er mich vorsichtig am Arm festhält. Ich war eigentlich gerade auf dem Weg nach draußen, Silvester in Berlin ist ja immer ein einziges Spektakel und irgendwie hatte ich seit langem mal wieder große Lust, so richtig zu böllern.

„Ein Gedicht? Jetzt? Eigentlich wollte ich gerade rausgehen“, antworte ich.
„Es dauert nicht lang, versprochen“, flüstert er und beginnt. Den genauen Wortlaut habe ich vergessen, doch die sanfte Sprachmelodie ist mir im Gedächtnis geblieben – Königskinder kamen darin vor, ebenso wie andere wohlklingende Wörter.
„Hast du das selber verfasst?“, unterbreche ich ihn.
„Jaaaaa doch, aber ich bin noch nicht fertig!“, sagt er etwas ungehalten und rezitiert weiter. „Fertig!“
Ich bedanke mich, er strahlt mich an, auf jeden Fall lebt er in seiner ganz eigenen Welt, verabschiedet sich und verschwindet in der Menge. Noch Tage später denke ich über die ebenso ungewöhnliche wie angenehme Begegnung nach.