Stadtranderholung

Berlin

Wer hätte gedacht, dass ich mich mal nach Rudow oder Marienfelde träumen würde? Paul Scraton reist mit uns „Am Rand um ganz Berlin“.

„Alles was Berlin für mich ausmacht, ist aktuell nicht möglich“, sagte eine Bekannte kürzlich. Die Theater und Museen sind geschlossen, an Abende in verrauchten Bars und durchgetanzte Nächte ist sowieso für längere Zeit nicht zu denken. Und mir fehlt noch eine weitere, ganz wichtige Sache: All die Mikro-Abenteuer in dieser Stadt, die stundenlangen flanierenden Streifzüge durch Berlin, das Entdecken von neuen Kiezen und ihren Eigenheiten. Und natürlich die Natur, die Wälder, von denen Berlin umgeben ist sowie die augenschmeichelnde Weite Brandenburgs. Weil ich mitten in Prenzlauer Berg wohne, ist letzteres momentan – sofern ich die öffentlichen Verkehrsmittel meiden möchte – nur mit viel Aufwand zu erreichen.

Gut, dann müssen wir eben zu Tricks greifen – und mit einem Buch auf Reisen gehen. Paul Scraton, gebürtiger Engländer, lebt seit über fünfzehn Jahren in Berlin, kennt sich nach eigenen Angaben gut in der Stadt und auch in der Peripherie namens Brandenburg aus. Aber tut er das wirklich? Als er über seine bisherigen Ausflüge nachdenkt, wird im bewusst:

„Doch dabei, das wurde mir jetzt klar, hatte ich etwas ausgelassen. Ich hatte mich zuerst der Stadt und dann dem land gewidmet und jedes Mal war ich durch die Außenbezirke von Berlin gefahren, ohne sie durch die schmutzigen Fenster des Autos oder des Zuges, mit dem ich durch sie hindurch eilte, auch nur eines Blickes zu würdigen. Wollte ich Berlin besser kennenlernen, so dämmerte mir allmählich, musste ich mit dem Auto anhalten, aus dem Zug aussteigen und mich an diesen Zwischenorten umsehen.“

Also beschließt er, Berlin einmal komplett am Rand zu umwandern, die 180 Kilometer aufgeteilt in zehn Spaziergänge. Er beginnt am Tegeler See und arbeitet sich dann im Uhrzeigersinn durch die Vororte, immer entlang der Grenze zu Brandenburg. Weil die Stadt während des Kalten Krieges geteilt war, aber eher „durch die Mitte“ (bzw. West-Berlin von der Mauer umschlossen war), übertritt er dabei auch immer wieder die ehemalige Grenze. Und stellt fest, dass sich die Architektur auf beiden Seiten der Mauer oft ähnelte: Das Plattenbau-Viertel in Berlin-Hohenschönhausen (ehemals DDR) unterscheidet sich kaum von der Gropiusstadt (ehemals West-Berlin), auch die „Datschen“ in den Schrebergärten sehen gleich aus.

Dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer ist die Narbe zwar noch sichtbar, doch die Peripherie Berlins ist nicht mehr zu unterscheiden:

„Die vergessenen Randgebiete, wo die verwahrloste Ödnis des einen die leere Leinwand für die Fantasie des anderen ist. Die seltsame Poesie dieser Nicht-Orte, die hier oder da sein konnten, irgendwo oder nirgendwo, doch immer am Rand der Stadt angesiedelt.“

Berlin
Diese Randgebiete sind meist geprägt von Industriegebieten, uncharmanten Lagerhallen und Autowaschanlagen, dazwischen dröge Brachflächen, die Menschen nutzen, um ihren Müll abzuladen.

Paul Scraton saugt die zahlreichen Eindrücke auf wie ein Schwamm, kann dabei nicht immer abstrahieren: Wer durch Berlin spaziert, wird unweigerlich mit den verschiedenen Ebenen der Geschichte konfrontiert, seien es die Gräuel des Nationalsozialismus (an die er zum Beispiel am Haus der Wannsee-Konferenz erinnert wird) oder die Mauertoten (orangene Infosäulen an der jeweiligen Stelle des Todes erinnern an sie und wie sie ums Leben kamen). Wie wir einen Ort wahrnehmen, hänge stark von unserem Vorwissen darüber sowie von unserer tagesaktuellen Stimmung ab, schreibt Scraton an einer Stelle und lässt sich seine ziemlich oft gehörig vermiesen.

„Normalerweise bezieht sich der Ausdruck ‚in seinen Bann ziehen‘ auf etwa Positives, doch ich fühlte mich im Bann der Geschichten des heutigen Tages nicht im Geringsten wohl.“

Berlin

Die Exklave Steinstücken in West-Berlin, 1989 / Foto: Wikimedia Commons / CMSgt. Don Sutherland

Vielleicht liegt es daran, dachte ich während meiner Lektüre, dass der Autor sich ausschließlich von Steinen und Gedenkstätten und Recherche in Büchern über die Vergangenheit berichten lässt – und dass, obwohl er auf seinen langen Spaziergängen durchaus vielen Menschen begegnet, die sicherlich etliche Anekdoten aus ihrer persönlichen Vergangenheit im Grenzgebiet hätten erzählen können. Wie mag es zum Beispiel gewesen sein, in einer der Exklaven wie Steinstücken zu wohnen, gleich an drei Seiten von der Mauer umgeben? Doch Scraton fragt nicht nach, leider, und nimmt sich damit eine große Chance, Berlin und seine Randgebiete wirklich kennenzulernen.

Doch die zwischenmenschliche Schüchternheit des Autors beiseite gelassen, schafft er es, Berlin von seiner weniger bekannten Seite zu zeigen: Die Stadt besteht nicht nur aus Brandenburger Tor und Potsdamer Platz, Kreuzberg und Neukölln – sondern eben auch den deutlich entschleunigteren Gebieten außerhalb des S-Bahn-Rings, die nach und nach ausdünnen bevor sie (auch das geht zurück auf die Berliner Mauer) urplötzlich abbrechen und in die weiten Felder Brandenburgs übergehen. Und wisst ihr was? Ich kann es kaum erwarten, das alles wieder selbst zu erkunden!

Paul Scraton
Am Rand um ganz Berlin
Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer
Matthes & Seitz, 2020
Gebunden, 207 Seiten, 22 Euro