Strumpfhosenmodel auf Speed

MonaFoto: Wikimedia Commons / John Atherton

In „The German Girl“ erzählt Ulrike Sterblich die Geschichte von Modemädchen und „Feelgood“-Ärzten im New York der 1960er Jahre – und verzettelt sich dabei etwas.

Marilyn Monroe, Judy Garland, Truman Capote, Elvis Presley, John F. Kennedy: Sie alle standen nicht nur im Rampenlicht, sondern auch unter großem Druck. Aber der Mensch ist nunmal keine Maschine, wenn ihm keine Ruhepausen gegönnt werden, klappt er zusammen – oder lässt sich vorher einen kleinen Muntermacher spritzen. Diese Aufgabe übernahmen (und übernehmen ziemlich sicher noch immer) so genannte „Feelgood“-Ärzte, die den Stars und Sternchen mit Amphetaminen unter die Arme greifen.

So geschieht es auch im New York der späten 1960er Jahre, in dem sich Mona Friedrich befindet. Sie ist die Hauptfigur in Ulrike Sterblichs neuem Buch The German Girl und in die Stadt gekommen, um ihre Karriere als Model auszubauen. In Berlin, wo sie aufgewachsen ist, war sie schnell zum gefragten Mannequin geworden, aber Modenschauen für Beamtengattinnen in Baden-Baden wirkten nicht so reizvoll auf sie wie Aufträge in der „Stadt, die niemals schläft“. Doch die Konkurrenz ist groß und anstatt glamouröser Catwalk-Episoden wirbt Mona für Diätpillen und glänzende Strumpfhosen.

Als einer ihrer Lover sie, weil sie an einem grippalen Infekt erkrankt, mit zu dem etwas grobschlächtigen Arzt Dr. Jacobson nimmt, lernt sie auch, warum NY nie zur Ruhe kommt: der vor den Nazis aus Deutschland geflohene Mediziner verabreicht der High Society in der Metropole regelmäßig Gute-Laune-Pillen oder Spritzen. Ab jetzt auch Mona, die das Gemisch bereitwillig für einen Vitaminmix hält, denn das junge Mädchen ist zwar über den großen Teich gezogen, aber trotzdem noch recht grün hinter den Ohren. Und wie es sich anfühlt, wenn die rätselhafte Substanz durch ihre Venen pumpt!

„Eine warme Welle durchspülte sie von innen, und kleine Funken explodierten unter ihrer Haut wie bei einem Feuerwerk. Das finstere Loch, in das sie sich eben noch hinabstrudeln sah, die ganze Verzweiflung, die sie gerade noch gepackt hatte, waren nicht nur aufgelöst, verschwunden, weggewischt, es war ihr schon jetzt kaum mehr vorstellbar, dass sie sich vor wenigen Augenblicken überhaupt in irgendeiner Weise unwohl gefühlt haben sollte.“

Es dauert nur ein, zwei Spritzchen und Mona ist süchtig nach diesem Hochgefühl, auch wenn der Absturz, der wissentlich nach der Einnahme von Aufputschmitteln kommt, eher lästig ist. Es führt außerdem dazu, dass Mona ihr Ziel – als Model Geld verdienen – langsam aber sicher aus den Augen verliert, sich auf ihren Speed-Trips (denn neben den Vitaminen ist eben auch Speed enthalten) durch das Nachtleben treiben lässt und in den exzentrischen Kreis um einen verpeilten Filmemacher namens Kaspar gerät. Ihre Bewegungen werden immer fahriger, an Schlaf ist nicht zu denken – Mona mäandert ziellos durch den Alltag.

Ulrike Sterblich weiß dieses sich-im-Kreis-Drehen ihrer Protagonistin gut zu beschreiben, beginnt dann aber – da hat man die Botschaft längst verstanden – selbst etwas zu mäandern: Die Kapitel wirken endlos und vollgeladen mit Gedanken und Ereignissen, die in der übergeordneten Handlung aber eigentlich keinen Zweck haben; Dialoge wirken hölzern und ziehen sich wie ein Kaugummi in die Länge, bevor in zwei oder drei Sätzen ein völlig anderes Thema beschrieben oder gar der Ort gewechselt wird – und das Kapitel abrupt zu Ende ist.*

Mona

Obwohl Mona mit ihren Modeljobs, den unbemerkten Drogentrips und dem harmlosen Entscheidungspatt zwischen dem beziehungsbereiten (und daher zunächst uninteressanten) Sidney und dem heute-hier-morgen-dort (und daher spannenden) Adam genügend Stoff für einen Roman geboten hätte, wirft die Autorin weitere Schauplätze und Zeitebenen auf, die dann aber nur in großen, unregelmäßigen Abständen wieder aufgegriffen werden: Den vermeintlich durch Amphetamine ausgelösten Tod des Fotografen Max Shaw; die für einen Pathologen ziemlich überambitionierten Nachforschungen eines Dr. Baden diesbezüglich; die bevorstehende Drogenkarriere des Sängers Eddie Fisher in den 1950er Jahren; ein kurzer Ausflug Monas in das revoltierende Berlin im Jahr 1968, während dem zufälligerweise auf Rudi Dutschke geschossen wird sowie das gelegentliche Auftauchen zweier unsymphatischer Feelgood-Ärzte und deren halbfertig erzählten Biographien im Deutschland der Weimarer Republik.

Dass der Roman derart überfrachtet ist und ihm ein paar Seiten weniger keinen Abbruch getan hätten, lenkt bisweilen davon ab, dass Ulrike Sterblich durchaus ein Händchen dafür hat, die Atmosphäre der Sechziger Jahre in New York zu schildern: die Sorglosigkeit einer künstlerischen Schickeria in einer Zeit, wo die Mieten noch erschwinglich waren und man Zeit hatte für Flausen im Kopf, wird in ihren Worten höchst lebendig. Und dennoch hinterlässt der Roman den Eindruck, hier sei eine Autorin etwas zu ambitioniert an die Sache herangegangen und habe – wie es schnell passiert, wenn man sich eine tatsächliche Begebenheit als Romanstoff nimmt – sich von den ganzen Ereignissen dieses Wirbelwind-Jahrzehnts davonspülen lassen.

Ulrike Sterblich
The German Girl
Rowohlt Verlag, 2021
Gebunden, 384 Seiten, 20 Euro

*Ich muss an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich ein Presse-Exemplar in der noch unkorrigierten Fassung gelesen habe; gehe aber nicht davon aus, das für die endgültige Version – die eine ähnliche Seitenzahl hat – viel gestrichen wurde