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„Warte, ich hab‘ das Bild noch nicht fotografiert“

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„Könnten Sie kurz etwas zur Seite gehen, ich möchte ein Foto machen!“, fragt mich die dunkelhaarige Frau und schiebt sich im gleichen Moment vor mich. Sie knipst das ca. 2 Meter hohe Gemälde aus einem schrägen Winkel, auf ihrem Display kann ich sehen, dass sich auf ihrem Foto später ein Lichtfleck von der Deckenbeleuchtung über das Motiv ziehen wird. Was passiert hier eigentlich gerade?

Ich stehe in einer Galerie in Berlin, es ist Ausstellungseröffnung, die Hütte dementsprechend voll. Bei Vernissagen in dieser Stadt zählt vor allem das „Sehen und Gesehen“ werden: die Frauen tragen die neueste Kollektion von COS in gedeckten Farben, die Männer Hornbrille und Jackett, dazu trinkt man Wein, der im besten Fall von der Galerie gratis ausgeschenkt wird. Um die Kunst geht es nur nebensächlich: Hier schnell ein Foto von der Installation, dort ein Gruppenselfie vor einem Gemälde, später wird das Ganze im Foto-Ordner des Smartphones vergessen und womöglich nie wieder angeschaut.

Elf – 11! – mickrige Sekunden verbringt ein Besucher laut einer Studie in Galerie oder Museum mit der Betrachtung eines Kunstwerks, bevor er zum nächsten weiterzieht. Was bleibt in dieser extrem kurzen Zeitspanne überhaupt hängen? In Windeseile entscheidet unser Gehirn, ob das Gezeigte attraktiv erscheint oder eher nicht. Doch bedeutet ersteres nicht zwingend, dass wir uns länger mit dem Werk auseinandersetzen, es einordnen, hinterfragen, analysieren. Viel zu schnell greifen wir – und ich nehme mich da überhaupt nicht raus – zum Smartphone, ein Wisch und die Kamera ist aktiviert, ein Klick und das Bild festgehalten. Nur wofür eigentlich? Und wäre es nicht viel nachhaltiger, sich das Kunstwerk in all seinen Facetten ins Gedächtnis einzuspeichern?

Keine Zeit, keine Zeit!

Ein Grund für diese geistige Kurzatmigkeit – und damit verrate ich nichts neues – ist die ständige Bilderflut, der wir im Alltag (zum großen Teil auch freiwillig) ausgesetzt sind. Wer 50 verschiedene Pinterest-Boards pflegt, mehrmals täglich bei Instagram postet und regelmäßig bei Facebook reinschaut, dessen Gehirn springt wie ein munteres Äffchen von Ast zu Ast.

„Was für eine eindringliche Anordnung von… oh, schau mal, ein Eichhörnchen!“ Hinzu kommen die bis unter die Stuckdecke mit Artefakten gefüllten Museen, deren Besuch sich oft zu einer Art Marathon entwickelt: Wir haben doch nur eine Stunde Zeit und hier sind 10 Räume voll mit Kunst! Hektisch hasten wir durch die Ausstellung wie das weiße Kaninchen aus „Alice im Wunderland“, damit wir am Ende einen Haken auf der Liste machen können.

Wir haben das genaue Schauen verlernt, dass ruhige Hin- und Herwälzen eines Gedankens, das Ausarbeiten einer Idee: Alles fällt schwerer, wenn wir uns nicht länger als 5 Minuten auf eine Sache konzentrieren können. Dient das lieblose Abfotografieren von Kunstwerken also nur als Gedächtnisstütze, damit wir später noch wissen, was wir vor drei Stunden angeschaut haben? Und wollen wir diese Flüchtigkeit wirklich? Wäre es nicht eine Idee, sich bei einem Ausstellungsbesuch ausnahmsweise nur EIN Kunstwerk vorzunehmen und dieses komplett zu erfassen?

Die dunkelhaarige Frau steht mir im Bild, doch es dauert nur fünf Sekunden, bis sie zum nächsten Gemälde läuft. „Warte, das Bild dahinten habe ich noch nicht fotografiert!“, ruft sie einer Freundin zu, als diese in den nächsten Ausstellungsraum gehen möchte. Ich bleibe stehen: Meine Augen können sich noch nicht an den intensiven Rot- und Pinktönen sattsehen.