Töne sehen am Bauhaus: „Wenn Martha tanzt“ von Tom Saller

bauhaus

2019 feiert das Bauhaus 100-jährige Jubiläum. „Wenn Martha tanzt“ von Tom Saller ist ein weiterer Roman, der das Leben an der Kunstschule aufgreift.

„Wie Kuchenteig, der beim Plätzchenbacken durch die Mühle gedreht wird, quillt Musik aus dem Haus. Durch jede Öffnung quetschen sich bunte Kringel, Schlangen, Stäbchen. Martha lacht.“

Wenn man als Tochter eines Kapellmeisters aufwächst, hat man wohl unweigerlich ein besonderes Verhältnis zur Musik. Doch bei Martha ist es auf den ersten Blick anders: Sie hat überhaupt kein Gespür für harmonische Tonfolgen, lässt ihre Instrumente lieber eine für fremde Ohren unerträgliche Kakophonie erzeugen. Das hat einen Grund: Martha sieht Töne, sie hört Farbensie ist Synästhetikerin. Macht sie Musik, so geht es ihr darum, aus den vorhandenen Farben der Töne wie ein Bildhauer ein Kunstwerk zu erschaffen – nicht alle haben dafür Verständnis.

Als Wolfgang, ein enger Freund der Familie, von der neu gegründeten Bauhaus-Schule in Weimar hört, ist klar: Dort will sie studieren! Aus ihrem verschlafenen Dorf in Pommern macht sie sich auf den Weg nach Thüringen, wo sie an die Herren Itten, Gropius und Klee gerät und sich ihr Leben einmal komplett umkrempelt. Endlich darf sie Farben und Formen tanzen und ihre ureigene Kreativität zum Ausdruck bringen – sie blüht auf und verliebt sich. Dann geht ihre Spur im Krieg verloren. Was ist mit Martha geschehen?

BauhausDie Geschichte der jungen Frau am Bauhaus – ein Thema, welchem sich im letzten Sommer bereits Theresia Enzensberger mit dem Roman Blaupause angenommen hatte – wird nicht aus ihrer eigenen Perspektive erzählt, sondern im Rückblick – und zwar von einem  Zeitpunkt rund 80 Jahre später: Ein junger Mann wird in New York 2001 schlagartig zum Millionär, weil er dort das Tagebuch seiner vermeintlichen Urgroßmutter – Martha – versteigern lässt.

Jenes hatte sie zu Bauhaus-Zeiten von Kurs zu Kurs geschleppt, alle Lehrer und Komilitonen hatten sich mit Grüßen oder kleinen Zeichnungen darin verewigt. Eine Sammlung von unschätzbaren Wert. Doch wer war sie wirklich, wo ist sie abgeblieben – und welche Rolle spielt die anonyme Käuferin des Tagebuchs?

Leichtfüßig trippelnd über das Bauhaus-Parkett

Leichtfüßig, erfrischend, teilweise poetisch erzählt Tom Saller die Geschichte von Martha, manchmal wirkt es so, als tanze er ebenso behände durch die Zeilen wie seine Protagonistin über das Parkett der Bauhaus Universität. Es sind kleine Episoden, in denen der Erzähler das Leben der jungen Frau wiedergibt, vieles davon hinzugedacht und nach eigenem Gutdünken erzählt.

Denn wofür braucht man Fakten, wenn man die Atmosphäre am Bauhaus – der Wunsch, gemeinsam an einer neuen Bewertung von Kunst und Handwerk zu arbeiten – auch so erzählen kann? Tom Saller ist das gut gelungen, sieht man einmal von dem Ende der Geschichte ab, die in eine surreal-hahnebüchene, etwas zu zufälligen Situation mündet. Den Rest der Lektüre kann das aber nicht trüben.

Tom Saller
Wenn Martha tanzt
List Verlag, 2018
Hardcover, 288 Seiten, 20€
ISBN-13 9783471351673

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

I agree