Über das Wurzeln schlagen

Wurzeln

Per Zufall habe ich zwei Bücher hintereinander gelesen, die sich auf poetische Weise mit den Themen Herkunft und Wurzeln beschäftigen – nicht nur im übertragenen Sinne.

Wurzeln schlagen, sich verwurzeln, zu seinen Wurzeln zurückkehren, die Wurzel allen Übels und nicht zuletzt die (autsch!) Wurzelbehandlung: In unserem Sprachgebrauch finden sich etliche Beispiele rund um die knotigen Auswüchse, mit denen sich Bäume und Pflanzen im Boden verankern, worüber sie ihre Nährstoffe beziehen und sich untereinander verständigen.

Wir Menschen hingegen schlagen nur im übertragenen Sinne Wurzeln an einem Ort; manchmal ist es der, in dem wir geboren und aufgewachsen sind, oft ist es eine neue Umgebung, in der wir erst hineinwachsen müssen, bevor wir sagen: „Hier bekommt mich niemand mehr weg“. Als meine Großmutter mit fast neunzig Jahren ihr kleines Häuschen verließ, um in ein Altersheim zu ziehen, sagte sie: „Aber eine alte Pflanze wie mich topft man doch nicht mehr um!“.

Wurzeln

Mit „Wurzelstudien“ beschäftigt sich auch Anna Ospelt, die 1987 in Vaduz geboren wurde und, nach einer Weile in Berlin, sozusagen zu ihren Wurzeln zurückkehrte. Ausgehend von einem Baum im Garten ihrer Eltern beginnt sie, die Lebensgeschichte des Verlegers Henry Goverts zu recherchieren, der einmal dort gewohnt und ebenfalls auf den Baum geschaut hatte. Doch Anna Ospelt schreibt keine stringente Biographie des Mannes auf, sie lässt sich in ihrer Suche treiben, telefoniert mit Weggefährten Goverts, spricht mit Wissenschafltern, Lehrern, Freundinnen und sogar Zahnärzten – über Wurzeln im übertragenen und konkreten Sinne.

„Man sollte achtgeben, dass sie einen nicht erschlagen, wenn man an ihnen rüttelt. Bemerkenswert an Stammbäumen ist zudem, dass sie sich nicht fällen lassen. Man kann sich höchstens entästeln oder abblättern. Der Stammbaum aber wurzelt weiter.“

Wurzelstudien ist ein ein schmaler Band über die Suche nach sich selbst, der eigenen Herkunft, dem Zusammenhang zwischen den Dingen, der Natur und dem Radikalen – schließlich kommt „Radikal“ von „Radix“, das ist Latein und heißt, klar, „Wurzel“.

Radikal, weil die Autorin sich der Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit der Welt bewusst entzieht, um mit allen Sinnen einzutauchen in die betörende Welt der Pflanzenkunde und der Sprache. Es ist kein Buch, das man einmal durchliest und dann auf Nimmerwiedersehen ins Regal stellt; man sollte sich Zeit nehmen und sich wie Ospelt selbst hineinziehen lassen, in ihre mal lyrische, mal nüchtern beobachtende Sprache. Und danach in den Wald gehen: Zurück zu den Wurzeln.

Wurzeln

Narben in der Seele

Im neuen Roman von Valerie Fritsch geht es nicht um konkret greifbare Baumwurzeln, sondern um den Stammbaum, die eigene Herkunft und Familiengeschichte. Es geht auch um Schmerz und Empathie, doch beim Lesen dieses – es sei vorweggenommen – sprachlich absolut brillanten Romans Herzklappen von Johnson & Johnson stand für mich etwas anderes im Vordergrund.

Die Hauptfigur Alma wird ungefähr in meine Alter, also Mitte/Ende dreißig sein; sie ist aufgewachsen mit liebevollen Eltern, aber auch mit dem Bewusstsein: Da gibt es so einiges, nach dem man besser nicht fragen sollte. Konkret bezieht sich das auf die Vergangenheit der Großeltern, noch konkreter auf die Taten ihres Großvaters im Zweiten Weltkrieg.

Der zog als fröhlicher Mensch mit einer Handvoll Erde aus dem heimischen Garten in den Manteltaschen in den Krieg und kehrte, nach langen Jahren der Kriegsgefangenschaft in Kasachstan, als gebrochener Mensch zurück. Stets ist ihm kalt, den Frost bekommt er einfach nicht aus dem Körper, und die Worte sind ihm auch größtenteils abhanden gekommen. Sein Schweigen steht im Raum wie eine massive Steinmauer.

„Frag ihn nicht danach“, lernt Alma schon früh. Doch was soll sie machen, wenn sie – obwohl viele Jahrzehnte nach Kriegsende geboren – allnächtlich von Erschießungen, Folterungen und Leichenbergen träumt?

„Es dauerte viele Jahre, bis das Gehörte Sinn ergab, und während Alma während des Tages über Zusammenhänge nachdachte oder sie vergaß, träumte sie nachts von diesem Krieg in klaren und klirrenden Bildern. Es war, als hätten ihr die Großeltern ihr eigenes Schicksal in den Doppelhelixsträngen der DNA weitergegeben, als hätten sie ihr das Dunkel der Luftschutzkeller und die Kälte der Front in den Leib gepflanzt […]“

 

Eine Stelle, gleich zu Beginn des Romans, an der ich schlucken musste: Weil es sich anfühlte, als läse ich meine eigene Geschichte. Zwar wurde ich weitestgehend von Kriegsträumen verschont, nicht aber von den Kriegstraumata meiner Großeltern: Dem „iss das bitte auf, als ich in deinem Alter war, mussten wir Mehlsuppe essen“, dem „wirf‘ das nicht weg, das kann man sicherlich irgendwann noch gebrauchen“, dem „ja willst du nicht endlich mal heiraten und einen Mann an deiner Seite haben, der für dich sorgt“?

Nicht zuletzt war da dieses große Schweigen oder Verschweigen der Vergangenheit: Die schönen Erinnerungen (die Kindheit meiner Großmutter in Schlesien) wurden geteilt, die grausamen (die Vertreibung aus Schlesien nach dem Krieg, die Vergewaltigungen, die Flucht, die Toten am Straßenrand) waren luftdicht verpackt und nicht zugänglich. „Frag‘ Oma bitte nicht danach“, nahm mich mein Vater als Teenager einmal mit ernstem Blick beiseite.

Ich gehöre zur Generation der „Kriegsenkel“, meine Eltern sind „Kriegskinder“ und meine Großeltern die „Kriegsgeneration“ – und dass Traumata über die Generationen hinweg vererbt werden können, ist mittlerweile wissenschaftlich anerkannt. Auch Alma, die Hauptfigur bei Valerie Fritsch, ist eines dieser Kriegsenkel, die unter den Erlebnissen ihrer Ahnen leidet. Dass sie sich im Laufe des Romans mit Mann und Kind auf einen waghalsigen Roadtrip begibt, um das Gefangenlager in Kasachstan zu finden, in dem ihr Großvater interniert war, überrascht also nicht. Wer möchte nicht wissen, warum jemand ist, wie er ist, was ihn geprägt, geformt oder auch verformt hat?

Dass Almas Großvater den erlittenen Schmerz Zeit seines Lebens nicht verarbeiten kann und Almas Sohn Emil – also ein „Kriegsurenkel“ – ohne jedes Schmerzempfinden geboren wird, ist eine spannende Gegenüberstellung; für die Handlung des Romans, die keinesfalls plot-driven daherkommt, sondern auf intensive Charakterisierung der Figuren setzt, ist es aber weniger relevant.

Streng genommen könnte uns Valerie Fritsch sowieso alles erzählen, denn sie kann das einfach: Wie schon in ihrem ersten Roman Winters Garten sitzt auch hier jeder Satz, jede Formulierung, ist alles sprachlich so neuartig und gleichzeitig bekannt, so wenig pathetisch und doch so tiefsinnig – ich kam mit dem Unterstreichen gar nicht mehr hinterher. Und mit dem Nachdenken über Herkunft, Wurzeln, mich und meine Familiengeschichte ebenfalls nicht.

Anna Ospelt
Wurzelstudien
Limmat Verlag, 2020
Gebunden, 128 Seiten, 24 Euro

Valerie Fritsch
Herzklappen von Johnson & Johnson
Suhrkamp Verlag, 2020
Gebunden, 174 Seiten, 22 Euro

Foto: Matteo Grando