Über den Dächern der Stadt

BerlinÜber den Dächern der Stadt – hier in Neukölln / Foto: Fräulein Julia

Wie war es, in den 1990er Jahren in Berlin-Mitte aufzuwachsen? Lorenz Just lässt mit „Am Rand der Dächer“ die Umbruchszeit aus Kinderperspektive aufleben.

Kurz dachte ich, ich sei mit dem neuen Buch von Lorenz Just aus Versehen an ein weiteres Beispiel für „ältere Männer verarbeiten ihre Kindheit und Jugend literarisch“ geraten. In gewisser Hinsicht stimmt das auch, allerdings ist der Autor mein Jahrgang – und Mitte dreißig ist ja nicht alt. Der Fakt, dass wir im gleichen Jahr geboren wurden, machte es mir dennoch leicht, an das Erzählgeschehen anzuknüpfen.

Denn wie ich in meinem kleinen Vorort von Köln Anfang und Mitte der 1990er Jahre meine Zeit hauptsächlich damit verbrachte, mit Freund*innen im Park rumzuhängen, die Jungs aus der Stufe über uns anzuschmachten, schmalzige Gedichte in mein Tagebuch zu schreiben und die ersten Versuche mit Alkohol zu machen, dümpelt auch die Hauptfigur Andrej durch seine Teenagerjahre – die, im Rückblick, recht ereignislos und unreflektiert vonstatten gingen.

„Wir erleben die Dinge, wie sie kamen, erlebten auch einander, ohne an den Oberflächen zu kratzen […]. Warum etwas passierte, war nicht von Interesse, es musste nur immer weitergehen, jeder Tag hatte seine Wege zu finden, und seien es widersinnige Umwege, wir waren bereit.“

Natürlich sah eine Kindheit in Berlin-Mitte kurz nach dem Fall der Berliner Mauer etwas anders aus als in Köln: Besetzte Häuser, brennende Autos, Demos und offenstehende Haustüren und Dachböden, durch dessen schmale Luken man sich ohne großes Aufsehen auf die Hausdächer stemmen konnte. Hier, auf dem Dachgarten Berlins, bot sich eine ganz andere Welt: Der Blick zum Fernsehturm und in die schwindelerregend tiefen Hinterhöfe, das vorsichtige Klettern entlang kleiner Mäuerchen und Schornsteine – und irgendwer hat es immer irgendwie geschafft, ein Sofa auf die Teerpappe zu stellen und ein Wohnzimmer im Freien zu gestalten.

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Andrej und Simon, ein Schulfreund, verbringen viel Zeit mit Abhängen am Rande der Dächer oder mit dem Einbrechen in schlecht gesicherte Wohnungen. Ihre Eltern sind mit anderen Dingen beschäftigt und schalten sich nur selten ein, die Jungs können sich in dem Viertel rund um die Große Hamburger Straße (die preisgekrönte Autorin Irina Liebmann hat dieser Straße übrigens ein ganzes Buch gewidmet) wie auf einem großen Spielplatz austoben.

Doch irgendwann wird die Frage immer lauter, ob man ewig so weitermachen möchte oder ob das Leben noch etwas anderes zu bieten hat? Über allem wabert Amerika als Sehnsuchtsort, man trägt weite Pullover mit weithin sichtbarem Markenlogo und Jeans, deren Bund so tief sitzt, dass die halbe Boxershorts zu sehen ist (ich erinnere mich mit leichtem Schaudern an diese seltsame Mode), spielt Basketball und hört Rap. Über allem steht der Wunsch nach einem Austauschjahr in den Weiten der USA. Dass sich gleich vor der Haustür die ehemals geteilte Stadt radikal verwandelt, wird nur marginal thematisiert; das Verschwinden der ehemaligen Freiräume merkt man meistens erst, wenn es bereits zu spät ist.

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Das letzte besetzte Haus in Berlin-Mitte, wo der Roman spielt / Foto: Fräulein Julia

Lorenz Just, der 2017 mit Der böse Mensch literarisch debütierte, gelingt es, diese vor Langeweile triefenden Teenagerjahre – dieses Unsinn anstellen, weil einem nichts besser einfällt – gekonnt zu beschreiben. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft um herauszulesen, dass der Autor sich dabei von seiner eigenen Kindheit und Jugend in Berlin zumindest deutlich hat inspirieren lassen. So manches mal hätte es dem Roman allerdings geholfen, hätte Just ein wenig mehr in die Kiste der Fiktion gegriffen, Szenen gestrafft oder Situationen eingebaut, die in irgendeiner Form Spannung aufbauen; so dümpelt die Geschichte über etliche Seiten nicht nur am Rande der Dächer, sondern oft auch am Rande der Irrelevanz entlang.

Wir erfahren, mit was Andrejs Abendbrotstulle belegt war und das das Haustierkaninchen nach einem Urlaub im besetzten Haus in der Großen Hamburger Straße aus unerklärlichen Gründen schnell verstarb, die meiste Zeit aber sitzen wir mit der Hauptfigur auf den Dächern, schauen Löcher in die Luft und versuchen uns im Fabrizieren von immer größeren Hubba Bubba-Kaugummiblasen. Das ist anekdotenhaft niedlich, aber mehr oft leider nicht.

Lorenz Just
Am Rand der Dächer
Dumont Verlag, 2020
Gebunden, 272 Seiten, 22 Euro