Über den Wolken

Nelly

Steigen Sie ein, wir heben ab und fliegen mit Aris Fioretos durch die Geschichte der Flugpionierin Nelly im Berlin der Zwanziger Jahre!

Als ich kürzlich darüber nachdachte, von wie vielen PilotINNEN ich in meinem Leben schon im Flugzeug begrüßt wurde, fiel mir auf: Von keiner einzigen. Ich bin schon etliche Male geflogen, doch stets saßen Männer am Steuer. Zufall? Eine kurze Recherche ergab: In Deutschland sind rund 11.000 Piloten unterwegs, weniger als 600 davon sind Frauen – das liegt auch daran, dass zum Beispiel die Lufthansa erst seit Mitte der 1980er Jahre überhapt Frauen zur Ausbildung zulässt. Wer sich im von Männer dominierten Luftraum Respekt verschaffen wollte, musste also schon immer große Ausdauer beweisen.

Davon kann auch Cornelia Becker, genannt Nelly, ein Liedchen singen: Sie war die erste Frau in Deutschland, die 1911 ihre Prüfung als Pilotin für Privatflugzeuge ablegte. Aris Fioretos erzählt die Geschichte dieser Frau – hinter der sich die reale Person der Melli Beese verbirgt –, die sich während ihrer Zeit auf dem Flugfeld in Berlin-Johannisthal, wo sie mit ihrem Mann eine Flugschule leitete, gegen Neid und Missgunst ihrer männlichen Kollegen durchsetzen und das Fliegen später an den Nagel hängen musste, weil ihr Herz die Höhenluft nicht verträgt.

Nelly

Melli Beese (1886-1925), erste deutsche Motorfliegerin / Bundesarchiv

Das sie ihre Berufung zugunsten ihrer Gesundheit aufgeben muss, bekommt allerdings auch ihrer Ehe mit Paul nicht gut. Sie verlässt ihn und zieht mit ihren 38 Jahren als nun alleinstehende Frau in eine Pension im Westen von Berlin, nimmt eine neue Stelle bei BMW an und kümmert sich um den Verkauf von Motorrädern. Und lernt Irma kennen, die fast fünfzehn Jahre jüngere Frau aus der Werbebranche: Die Funken fliegen, das Herz pocht und Nelly kann endlich ihre homosexuelle Neigung ausleben:

„Weißt du…“ Ruhig lege ich die Wange auf ihr Hüftbein und wölbe die Hand um ihren Bauch. „Man könnte eine Religion auf dir gründen. Dieses Dreieck“ – mit dem Zeigefinger folge ich der Hautfalte unter dem Nabel, bewege mich die Leiste hinab und an der uebenen Kante des Schamhaars entlang, die andere Leiste hinauf – „das ist der Altar. Dein Becken, mehr ist nicht erforderlich.“

Ist es der Altersunterschied oder die verschiedenen Vorstellungen einer Beziehung, die Irma und Nelly letztendlich an eine unüberwindbare Stelle bringen? Irma sucht Freiheit, Nelly Zuverlässigkeit – die findet sie irgendwann nur noch in diversen Tropen, Tabletten und härteren Drogen. Kann das ein gutes Ende nehmen? Eher nicht.

Dies war mein erster Roman von Aris Fioretos und ich bin mir sicher: Es wird nicht der letzte gewesen sein. Die Art und Weise, wie er die schwierige Liebesgeschichte zwischen Irma und Nelly in Worte fasst, ist beeindruckend; auch ausführliche erotische Szenen sind weitab davon, peinlich zu sein (was oft passiert, wenn Männer aus der Perspektive von Frauen Frauenkörper beschreiben, non?). Stattdessen gelingt es ihm, die Mischung aus Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit der Hauptfigur so zu beschreiben, dass sie noch lange nachwirkt; eingebettet in das aufstrebende und tanzende Berlin der 1920er Jahre, zwischen Sechs-Tage-Rennen, Frauen im Smoking und eingeatmeten Lösungsmitteln – Nelly B.s Herz schlägt für das Fliegen und meines für diesen Roman!

Aris Fioretos
Nelly B.s Herz
Aus dem Schwedischen von Paul Berf
Hanser Verlag, 2020
Gebunden, 336 Seiten, 24 Euro