Über Mut und Übermut

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Schon 1992 veröffentlichte Ilse-Margret Vogel in den USA ihre Erinnerungen an die letzten Kriegsjahre in Berlin – erst jetzt sind die Texte auf Deutsch erschienen. Sie sind Zeugnis einer mutigen Frau, die sich vom Hitler-Regime abwandte und so manchem Menschen das Leben rettete.

„Wir alle hassten Hitler, seine Ideologie, seine Lügen, seine Verbrechen […]. Mit großen Taten prahlen können wir nicht. Wir haben auch keine Nazis umgebracht oder verletzt. Aber wir haben oftmals unser Leben riskiert und Widerstand geleistet, indem wir Menschen halfen, die aus rassischen oder politischen Grünen verfolgt und schikaniert wurden“, heißt es im Vorwort der Autorin, die sich erst fünf Jahrzehnte nach Kriegsende ein Herz fasste und ihre Erinnerungen zu Papier brachte. Zwischenzeitlich war sie nach Amerika ausgewandert und dort als Kinderbuchillustratorin bekannt geworden.

Doch die Dinge, die sie zwischen 1943 und 1945 im immer stärker zerbombten Berlin erlebte, mussten wohl einfach an die Oberfläche. Aufgeschrieben hat sie diese in kleinen Kapiteln, die sich jeweils abwechselnd einer Person aus ihrem damaligen Freundeskreis und einem übergreifenden Thema wie Liebe, Angst, Hunger oder Verlust widmen. Sie sind der Beweis, dass damals – auch wenn der Zuspruch ungefragt enorm gewesen ist – nicht alle Adolf Hitler zu Füßen lagen, sondern ihn bekämpften, wo immer es ging.

Auch wenn Ilse-Margret Vogel keinen direkten Kontakt zum „Untergrund“ hatte, so tat sie doch ihr bestes, Menschen in scheinbar auswegslosen Situationen zu helfen – sei es bei der Flucht aus Berlin in eine sichere Gegend oder dem Verstecken eines Deserteurs. Für solche Taten braucht man eine ganze Menge Mut und auch ein Tröpfchen Übermut – und den attestiert man der Autorin recht schnell.

„Ich glaube, mein Leben wird dann enden, wenn es sein soll“

rezension_ueber_mut_coverSo weigert sie sich standthaft, bei Bombenalarm einen Luftschutzkeller aufzusuchen, auch wenn sie sich damit regelmäßig in Lebensgefahr bringt, auch den Hitlergruß zeigt sie nicht: „Ich glaube, mein Leben wird dann enden, wenn es sein soll„. Sie ist eigensinnig und leichtsinnig, wenn sie sich – als Künstlerin benötigt sie große prunkvolle Rahmen, die von ihren Kunden bevorzugt werden – im KaDeWe ein übergroßes Hitler-Portrait kauft und ihre Freunde mit Pinsel und Farbe zum „Hitler-Attentat“ anstiftet und dann vorschlägt: „Später, […] wenn es draußen stockdunkel ist und die Straßen leer sind, könnten wir den Führer in die Innenstadt tragen und ihn gegen einen Laternenpfahl gegenüber der Reichskanzlei stellen“. Statt der erwarteten begeisterten Zustimmung wird sie von den anderen allerdings für verrückt erklärt.

Möglicherweise ist es diese Sorglosigkeit, die Ilse-Margret Vogel über die todbringenden Tage des zweiten Weltkriegs retteten; auch wenn um sie herum alles in Schutt und Asche liegt, so hat sie sich ein kleines Quäntchen Lebensfreude bewahrt, die sie vergessen lässt, dass sie manchmal den ganzen Tag über nichts weiter als eine Kartoffel und ein hartes Stück Brot gegessen hat. Ob die vielen Jahre die Erinnerung der Autorin verklärt haben? Sicherlich, doch ändert das nichts daran, dass man ein Buch vor sich liegen hat, bei dem – obwohl es voll Krieg, Leid, Verlust und Trauer ist – die Lektüre großen Spaß macht.

Jutta Hercher (Hrg), Ilse-Margret Vogel: „Über Mut im Untergrund. Eine Erzählung von Freundschaft, Anstand und Widerstand im Berlin der Jahre 1943–1945„. Lukas Verlag, 2014. Gebunden, 220 Seiten, 19,80€. ISBN 978-3-86732-157-0

Kategorie Allgemein

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