Und bist du nicht willig

Alexanderplatz

Eine toxische Beziehung vor den Trümmern der DDR: „Kairos“ von Jenny Erpenbeck ist ganz große Erzählkunst.

Es hätte alles ganz anders kommen können. Hätte Katharina etwas länger in der Buchhandlung gebraucht, hätte sie den Bus nicht erwischt, wäre nicht im Regen am Alexanderplatz ausgestiegen, hätte nicht Blicke getauscht mit diesem attraktiven, deutlich älteren Mann. Hätte nicht mit ihm einen Kaffee getrunken, wäre nicht mit ihm nachhause gegangen, hätte keine Affäre mit ihm begonnen. Hätte nicht ein paar Jahre später, gebrochen und gleichzeitig stark, vor den Scherben ihrer Beziehung gestanden. Als der Mann stirbt – damit setzt die Geschichte ein – ist Katharina längst weitergezogen. Jetzt sitzt sie vor einem Karton voller Zettel und Notizen und erinnert die Jahre mit ihm.

Es hätte alles ganz anders kommen können. Doch es kam so. Katharina lernt Hans an einem trüben Tag im Juli 1986 kennen, als sie an der Endstation des Linienbusses am Alexanderplatz zusammen unter einer Unterführung darauf warten, dass der Schauer endet. Hans ist verheiratet, das erzählt er ihr beim Kaffee – „Ich trink den Kaffee schwarz, denkt sie, und ohne Zucker, dann nimmt er mich ernst“ –, auch die dreißig Jahre Altersunterschied kommen zur Sprache: Katharina ist zarte 19 Jahre alt, Hans Anfang fünfzig. Sie ist noch in der Ausbildung, er arbeitet als Fester Freier beim Radio, ist Teil der Berliner Kulturszene, befreundet mit Dramaturg Heiner Müller, selbst auch Schriftsteller.

Vieles spricht von Anfang an gegen diese amour fou, doch wo die Liebe hinfällt – oder besser die Anziehungskraft – da wächst kein Gras mehr: Ehe sie sich’s versehen, stecken sie schon viel zu tief drin. Seine Frau will Hans nicht verlassen, setzt Katharina aber klare Grenzen: Es darf nur ihn geben. Als sie während einer Hospitanz am Theater in Frankfurt an der Oder eine Nacht mit einem Kommilitonen verbringt, kippt die Beziehung plötzlich. Er, der nicht bereit ist, Katharina auch nur einen Fuß breit entgegenzukommen, wirft ihr vor, die Beziehung mutwillig zerstört zu haben. In endlosen Monologen, die er ihr auf Kassette aufnimmt, bringt er Stück für Stück ihr Selbstbewusstsein zu Fall:

„Musst du nicht kotzen, wenn du daran denkst, wie ideal du mir schienst, während du deine Seele mal hier-, mal dorthin gehängt hast, wie an verschiedene Garderobenhaken? Sprich nicht von Reue. Du bereust jetzt nur die Folgen, aber nicht, dass es dir an der moralischen Disziplinierung gefehlt hat. Hast wohl geglaubt, du könntest zweigleisig fahren.“

Warum lässt Katharina das mit sich machen, warum packt sie nicht ihre Sachen und geht auf Nimmerwiedersehen? Das mag zum einen daran liegen, dass Hans ihr mit Kunst und Kultur eine völlig neue Welt eröffnet hat, in der sie sich wohlfühlt. Es mag aber vor allem daran liegen, dass er von Anfang an Macht über diese junge Frau hatte, die in seinen Augen noch formbar ist: Schon vor dem Seitensprung fesselte er sie gerne ans Bett, ließ sie lange dort liegen um sie zu erniedrigen, schlug sie mit einem Gürtel, züchtigte sie körperlich und verbal.

Katharina

Was als sexuelle Praktik mit beiderseitigem Einverständnis – Katharina findet durchaus gefallen daran, devot zu sein – ihre Berechtigung hat, wird von Hans ohne Rücksprache in den Alltag übernommen. Diese Beziehung als eine toxische zu identifizieren und sich daraus zu lösen, kostet Katharina viele Jahre und viel Kraft. Dass wie nebenbei auch noch die DDR zerbricht und die Auflösung des Staates eine äußere Unordnung herbeiführt, die ihre innere spiegelt, macht die Sache nicht einfacher.

„Beschlossen wird vom ersten frei gewählten Parlament, sich selbst abzuschaffen – genau so, wie Hans es vorausgesehen hat. […] Bis April ist manchmal noch von ‚Kooperation‘ zwischen beiden Staaten die Rede, danach nur noch von ‚Beitritt‘. Plötzlich ist die Zeit ein eisernes Korsett.“

Jenny Erpenbeck hat mit Kairos etwas geschaffen, das wehtut. Und zwar deswegen, weil man aus nächster Nähe miterlebt, wie sich eine junge Frau mit Idealen und Träumen von einem machtgierigen Mann – mehr oder weniger bereitwillig – brechen lässt. Ist er ihr die strenge Vaterfigur, nach der sie sich sehnt? Man möchte Katharina schütteln und anschreien: „Verlass‘ ihn endlich!“ Und weiß doch, dass man vielleicht ebenso gelähmt wäre. Hat man nicht auch ein Stück weit Verständnis für Hans, der noch als Hitlerjunge geformt wurde und mit Unterdrückung und Züchtigung aufwuchs?

Der literarische Ton, den die – wie ihre Hauptfigur – 1967 geborene Autorin anschlägt, ist ruhig und poetisch zugleich; immer wieder werden Zitate aus Literatur und Musik, Passagen aus der Bibel eingeflochten, die das kulturelle Verständnis der DDR-Boheme zum Ausdruck bringen, ohne plakativ zu sein. Und doch liegt über Allem eine Düsternis sondergleichen: Kairos ist kein fröhliches oder aufmunterndes Buch, es ist bedrückend und schmerzhaft intensiv. So etwas habe ich lange nicht mehr gelesen.

Jenny Erpenbeck
Kairos
Penguin Verlag, 2021
Gebunden, 384 Seiten, 22 Euro