Unerhört, diese Klassiker!

Klassiker

„Ulysses“, „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder „Jane Eyre“: In Zeiten des Lockdowns könnte man ja mal wieder einen Klassiker lesen. Oder: hören!

Es gab eine Zeit, da tat ich kaum etwas anderes: Von morgens bis abends futterte ich mich wie die Raupe Nimmersatt durch die Literatur vergangener Jahrhunderte. Die Texte von Goethe, Schiller, den Brontë-Schwestern, Jane Austen, James Joyce und Charles Dickens stapelten sich auf allen Freiflächen in meiner kleinen Dachwohnung in der Bonner Südstadt. Ich studierte Germanistik und Anglistik auf Magister und hatte das hohe Lesepensum sozusagen auf Rezept verordnet bekommen.

Die im Antiquariat und auf Flohmärkten gekauften Taschenbuchausgaben – ich war jung und hatte kein Geld – stehen bis heute in meinem Regal. Sie wirken zerfleddert wie räudige Hunde, sind gezeichnet von Unterstreichungen und Eselsohren, ihre Buchrücken sind von breiten Furchen durchzogen. Zwischen ihren Seiten versteckt sich die Erinnerung an eine Julia, die, definitiv noch ein bisschen grün hinter den Ohren, anhand literarischer Klassiker ihre moralischen und ethischen Vorstellungen entwickelte und schärfte. Eine Julia, die es so nicht mehr gibt und die als Journalistin längst im Hamsterrad der belletristischen Neuerscheinungen strampelt. Was passiert, wenn ich diese Bücher nach all der Zeit noch einmal in die Hand nehme? Werde ich mir die Zeit dafür nehmen die es braucht, sich durch einen dieser dichten Romane zu arbeiten?

„Es ist kompliziert“

Um die Frage gleich zu beantworten: Es ist kompliziert. Nach Stunden vor dem Bildschirm fällt es mir oft schwer, mich auf einen Roman zu konzentrieren, der meine ununterbrochene und volle Aufmerksamkeit benötigen würde, wollte ich ihm gerecht werden. Sturmhöhe von Emily Brontë runterlesen wie einen griffigen Berlin-Krimi? Vor dem Einschlafen ein Kapitel Mann ohne Eigenschaften von Musil? Schwierig. Seit Beginn des letzten Lockdowns greife ich deshalb verstärkt zu der Hörbuch-Version von Klassikern. Mein Kopf glich oft einem schwirrenden Bienenstock, die Gedanken flogen frei flottierend durch die Gegend und machten Konzentration zu einem ambitionierten und kaum umsetzbaren Projekt. Dann kam Sophie Rois.

Sophie Rois, diese charmante österreichische – aber längst einberlinerte – Schauspielerin könnte mir streng genommen Packungsbeilagen diktieren und ich würde ihr und ihrer rauchigen Stimme trotzdem zu Füßen liegen. Noch schöner ist es natürlich, wenn sie mir einen meiner liebsten Klassiker der englischen Literatur vorliest: Jane Eyre. Diese Geschichte wurde 1847 von Charlotte Brontë, allerdings unter dem männlichen Pseudonym Currer Bell – Frauen wurde damals nicht zugetraut, literarisch schreiben zu können.

Jane

Könnte Thornfield Hall sein, ist aber das Montacute House in Südengland / Foto: Wikimedia Commons, Becks

Der Text enthält alle Elemente, die einen klassischen Roman dieser Zeit ausmachen: Jane wächst bei ihrer Stieftante auf, die sie wie eine Aussätzige behandelt, ihre Cousins und Cousinen piesacken sie bei jeder Gelegenheit und in dem Internat, auf das sie später geschickt wird, herrschen ebenfalls rohe Sitten. Es erklärt, warum Jane zu einer verschlossenen jungen Frau wird, die so schnell wie möglich alle Brücken in ihre Vergangenheit abbricht. Das große und schon von außen gruselig wirkende Haus Thornfield Hall, in dem sie als Gouvernante anheuert, hat viele leerstehende Zimmer und einen die meiste Zeit abwesenden Hausherrn; in der Nacht kommt es zu geisterhaften Vorfällen, über die unter den Angestellten mit angstvollen Gesichtern getuschelt wird.

Charlotte Brontë, die ihre Protagonistin Stück für Stück dazu bringt, den verbitterten Mr. Rochester emotional aufzutauen, hat mit ihrem Roman die Weltliteratur geprägt – ihr mad woman in the attic ist in der Literaturwissenschaft sogar zu einem festen Begriff geworden und wurde in späteren Romanen immer wieder aufgegriffen. Die Geschichte einer tragischen Liebe im Hochmoor hat bis heute nicht an Eindringlichkeit verloren. Es mögen längst andere Sitten und Gebräuche in unserer Gesellschaft gelten, doch die dahinterliegenden Themen – Selbstbewusstsein, Familiengeheimnisse, Schuld, Sühne und Zusammenhalt – bleiben zeitlos und machen den Text zu einem wirklichen Klassiker!


Welchen Klassiker wolltest du schon immer mal lesen (oder hören)?


 

/ Der Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Audible entstanden /