Versteckspiel statt Erinnerung

Berlin-Logbuch XIV: „Mein kleiner pubertierender Bruder ist hier. Das bedeutet Sightseeing hoch drei, ständige Meinungsverschiedenheiten und früh ins Bett gehen.“

Er ist eben erst vierzehn, auf welche Party soll ich ihn da bitteschön reinschmuggeln. Dabei wäre ich doch am Wochenende so gerne mit auf die c-Base Party gegangen, auf der sich mehrmals im Monat verrückte Freaks treffen, die der festen Meinung sind, das vor zehn Jahren ein Raumschiff in Berlin gelandet ist, dessen Antenne die Form des Fernsehturms auf dem Alexanderplatz angenommen hat. Ist das ganze nur ein PR-Gag, oder glauben diese Menschen womöglich wirklich daran? Hier in dieser Stadt ist alles möglich, also auch letzteres.

Berlin

Naja, leider konnte ich nicht mitgehen, weil Anhang ja da. Während des Erkundens der Stadt dann auch mal einen Abstecher zu dem mittlerweile schon sagenumwobenen Denkmal für die ermordeten Juden Europas gemacht: tausende Betonklötze, von knöchelhoch bis zu drei Metern groß – also wozu besser geeignet als zum verstecken spielen? Das haben diverse Kinder ausgenutzt, na gut, denen kann man es ja nicht verübeln, die Betonklötze bringen einem den Massenmord eines Volkes nicht grade nahe – aber huch, da finden wir ja auch einige Menschen, von denen man behaupten kann, das sie schon erwachsen sind, wie sie fröhlich lachend zwischen den Klötzen hin und her huschen, sich vor ihren Kindern verstecken.

Ist das angemessen? Kurz nach der Eröffnung des Mahnmals, ich war zufällig auch
gerade in Berlin, gab es noch empörte Aufschreie von Erwachsenen, wie verkommen und respektlos die Jugend doch sei – weil sie sich bei schönem Wetter auf den Quadern sonnte. Auch der Souvenirladen und die Pommesbude am Rande des Mahnmals bekamen ihr Fett weg, wurden in den Medien durch den Dreck gezogen – wie kann man nur so etwas bringen. Aber Verstecken spielen scheint erlaubt zu sein, jedenfalls habe ich noch niemanden darüber klagen hören. Und wenn es so wäre, stände sicherlich schon längst, in typisch deutscher Art, ein Schild am Eingang: Verstecken spielen verboten. Nur Nachdenken erlaubt.

Playlist:
Winson: „Liebeskummer is‘ Luxus


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!