Vom Aufstehen

SchubertFoto: Becca Schultz / Unsplash

Bombenhagel, Fluchterfahrung, drei verschiedene politische Systeme: In ihren kurzen Prosa-Texten lässt Helga Schubert ihr bewegtes Leben Revue passieren.

Eigentlich hätte Helga Schubert schon 1980 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewinnen können. Günter Kunert hatte sie damals eingeladen, in Klagenfurt aus ihren Texte zu lesen; doch Schubert, wohnhaft in der DDR, erhielt keine Ausreisegenehmigung für das „Nicht-Sozialistische Wirtschaftsgebiet“. 40 Jahre später ist die Berliner Mauer längst gefallen und der Weg zu den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“ für Helga Schubert eigentlich frei – doch die Pandemie verhindert auch diesmal ihre Anreise nach Österreich, der Wettbewerb findet 2020 ausschließlich online statt. Die mittlerweile 80-jährige Autorin überzeugt jedoch selbst über die Kamera und wird für ihren Text „Vom Aufstehen“ ausgezeichnet.

Vom immer wieder Aufstehen müssen, im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne, handeln auch die Prosa-Miniaturen, die Helga Schubert Anfang dieses Jahres veröffentlicht hat. Sie erzählt darin keine lineare Geschichte, greift zentrale Themen und Motive aber immer wieder auf: Ihre Kindheit während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit, die Abwesenheit des früh gefallenen Vaters, die schwierige Beziehung zur Mutter, das Großziehen der eigenen Kinder und das Leben in der DDR. Und immer wieder weht außerdem der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, den ihr Ehemann jeden Morgen nach dem Aufstehen aufsetzte, durch die Seiten.

Doch erstmal bleibt die Erzählerin, die stringent aus der Ich-Perspektive schreibt und bis ins kleinste Detail deckungsgleich mit der 1940 geborenen Autorin ist, liegen: In der Hängematte im Garten der Großmutter, zwischen Obstbäumen schaukelnd, auf dem Bauch einen Teller mit einem großen Stück frisch gebackenen Streuselkuchen. Für ein paar sorglose Sommerwochen kann die siebenjährige Helga hier die Vergangenheit vergessen, die Erinnerungen an Luftschutzbunker in Berlin, an die Flucht vor der Roten Armee zu Verwandten nach Greifswald. Daran, dass ihre Mutter vom Schwiegervater Gift bekam, um notfalls das eigene und das Leben der Tochter zu beenden. Diese warf das Gift zwar in den Fluss, doch ihr Herz wurde infolge der Erlebnisse hart – die Beziehung zwischen Mutter und Tochter wird ihr Leben lang von Misstrauen und Vorwürfen geprägt sein. „Ich habe als Kind zu viele Tränen gesehen“, schreibt die Erzählerin über sieben Jahrzehnte später.

Als Helga Schubert den hinterlassenen Besitz ihrer im hohen Alter von 101 Jahren verstorbenen Mutter sortiert, kommen lange versteckte Gefühle und Erinnerungen an die Oberfläche. Dennoch geraten ihre Texte nicht zur Abrechnung mit der Frau, die ihr schon als Kind offen sagte, sie hätte sie damals besser abtreiben sollen; ihre kurzen und schlichten Sätze sind vielmehr geprägt von Vergebung und Verständnis. Auch Schubert selbst unterzieht sich immer wieder einer Nabelschau; hinterfragt ihr Verhalten im DDR-Regime, das im Großen und Ganzen nach außen hin angepasst war, obwohl ihrer Schriftstellerkarriere immer wieder Steine in den Weg gelegt wurden.

Am 9. November 1989 war ich fast fünfzig Jahre alt und hatte noch niemals frei gewählt. Wie als Zeugin vor einem Gericht könnte ich über diesen Tag berichten: Was ich sah und hörte und dachte. Davor und auch in der Zeit danach. Es gibt kein weltliches Gericht mehr dafür: Bis auf Mord ist alles verjährt. Kann ich denn vom 9. November literarisch erzählen?

„Vom Aufstehen“ ist ein unaufgeregtes und zugleich sinnliches, aber niemals ins Pathetische abrutschende Resümee eines bewegten Lebens und eine Reflexion über das eigene Älterwerden. Es beschreibt die Suche einer früh Entwurzelten nach Verwurzelung und einer Heimat, die frei von politischen Ideologien ist. Helga Schubert hat dieses Zuhause im Schreiben gefunden – und damit nicht nur sich, sondern auch uns Leser*innen einen großen Gefallen getan.

Helga Schubert
Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten
dtv Verlag, 2021
Gebunden, 224 Seiten, 22 Euro

Dieser Text ist zuerst im Magazin der Büchergilde erschienen. Die dazugehörige Ausgabe von Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten findet ihr hier.