Von Ameisen und Weizengrascocktails

Berlin-Logbuch IX: „Es wird nicht öffentlich als Festival ausgegeben, sondern nur per Mundpropaganda verbreitet: wo das in Berlin schon legendäre Camp Tipsy stattfindet.“

So haben auch wir erfahren, das uns unsere Reise in das überschaubare Dörfchen Hammelspring führen wird, wo es für den Zug nur eine Bedarfshaltestelle gibt, und man deshalb den Zugführer schon im Voraus benachrichtigen muss. Wir wurden also Sonntagmittag bei strahlendem Sonnenschein und extrem warmer Luft mitten in der Walachei abgesetzt, haben uns zusammen mit mehreren ebenfalls hippiesque anmutenden Persönchen aufgemacht Richtung Wald, wo besagtes Camp stattfinden sollte. Auf der ganzen Strecke nichtmal ein Meter Bürgersteig, so dass wir unseren Weg bereits durch die Felder schlagen mussten.

Nach endlosem Fußweg endlich angekommen erstmal das Zelt im Wald suchen (hier irgendwo muss es doch stehen!) um die Klamotten umzulagern (obwohl ich zugegebenermaßen ALLES was ich hätte mitnehmen sollen, vergessen hatte), schnell im Wald pinkeln gehen (auch gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn lauter Leutchen dort Brombeeren sammeln) und sich dabei von Ameisen anpissen lassen, die wohl sauer darüber waren das man sie anpinkelt. Und dann zu den Hauptplätzen im Camp, kleine Lichtungen überspannt mit bunten Tüchern, überall Sofas und Hängematten, eine vom Baum hängende Discokugel und laute Trance-Musik. Dazu Menschen, die sich verträumt zu der Musik bewegten als wären sie zur Hälfte immer noch auf ihrem Pillentrip von letzter Nacht – oder wahlweise schon wieder drauf. Das Ganze passte zusammen, die Atmosphäre stimmte.

Vielleicht nicht unbedingt zu der Tatsache, das wir uns in einem ehemaligen Naherholungsgebiet der FDJ der DDR befanden; die Bungalows zum Schlafen inklusive ihren detailgetreuen bunten Bildehen an den Hauswänden, DDR-Flagge, FDJ-Mädchen in ihrer Uniform und dergleichen. Erinnert tatsächlich sehr stark an die Hitlerjugend. Plötzlich irgendwelche FDJ-Liedchen im Kopf (woher kenn ich die eigentlich) aufgemacht zum See, aber leider kein Bikini oder Handtuch dabei gehabt, also auch das Angebot zum Nacktbaden nicht angenommen. Allerdings bin ich mir nicht so sicher, ob ein Handtuch daran etwas geändert hätte.

Nach Abkühlung meines Mit-Campers erstmal in die Sonne legen, den fleißigen Heinzelmännchen der Volxküche beim Kochen zusehen, dabei überlegen, ob man sich jetzt einen frischgepressten Weizengras-Apfelsaft holt, oder doch lieber später einen Fruchtcocktail, oder selbstgemachte Pizza, oder Kartoffeln mit Chili und gedünstetem Gemüse, dazu selbstgemachten Eistee? Na einfach alles hintereinander! Geld spielte dabei nur eine nebensächliche Rolle, denn auch wenn man natürlich etwas bezahlen sollte, war das Ganze auf Spendenbasis – man konnte mehr geben wenn man wollte, musste es aber nicht. So hab ich mich dann für einen Bananen-Apfel-Pfirsich-und-alle-Früchte-die-wir-finden-konnten-Cocktail entschieden, musste dafür nur einen Euro zahlen, und war nachher völlig geflasht von den ganzen Vitaminen.

Berlin

Bei manchmal etwas monotoner, aber dennoch stimmungsvoller Musik und beruhigenden Heilkräutern ging der Nachmittag dann auch vorbei, die Nacht kam und warf ihre Schatten über das Camp – und ich wurde blind. Scheiss Nachtblindheit. Die Discokugel warf ihre hellen Lichtpunkte über den ganzen Platz, inklusive der Baumwipfel, so dass es das chilligste war, sich mit einer Decke auf eines der Sofas zu legen, und nachdenklich den Punkten nachzuschauen. Die sich zum Glück nicht gedreht haben, sonst wäre ich vollends hypnotisiert worden. So bin ich nur eingeschlafen.

Zu früher Stunde haben wir uns dann aber entschieden, schon mal schlafen zu gehen, der Tag war ja so anstrengend. Das Fehlen einer essentiellen Taschenlampe machte sich dann bemerkbar, als wir, auf der Suche nach unserem Zelt, das sich aufgrund seiner grünen Farbe gar nicht von der Umgebung abgehoben hat, ständig gegen Bäume oder in Löcher gelaufen sind. Schnell noch den Schlafsack nach Schlangen oder dergleichen absuchen (man kann ja nie wissen), ausknobeln wer die Luftmatratze bekommt, und in tiefen Schlaf versinken.

Das erste mal seit langem nicht zu früh wach werden durch Sonnenstrahlen, weil entweder kaum welche da waren, oder die Bäume sie nicht durchgelassen haben. Irgendwann dann aber doch aus dem Koma aufgewacht, rübergewatschelt zur Volksküche, und das interessanteste und bestimmt gesündeste Frühstück seit der „Alles-muß-erst-durch-die-Schrotmühle“-Phase meiner Mutter gegessen. Angeröstetes Müsli, dazu Joghurt mit frischen Früchten. Großartig.
Schnell noch ein paar Früchte umsonst einsacken – das Camp war schließlich zu Ende, es gab
keinen Pfand mehr zurück, und die Früchte standen unbeobachtet und zur freien Verfügung da. Hier wurde eben noch stark auf die Ehrlichkeit der Menschen gesetzt. Das hab ich mal ganz egoistisch ausgenutzt.

Berlin

Dann aber schnell Zelt abbauen, die letzten nervigen Ameisen abschütteln, und sich auf den Weg machen zur Landstraße, denn schließlich mussten wir irgendwie nachhause kommen – für eine Rückfahrt mit dem Zug reichte das Geld noch nichtmal ansatzweise. Also an die Straße gestellt und Fingerehen raus, nehmt uns mit zurück nach Berlin, wir wollen doch nur nachhause… Schon sehr nah dran am Verzweifeln, als plötzlich ein riesiger Bus an der Straßenseite hielt, augenscheinlich auch ehemalige Bewohner des Camps, die sofort bereit waren uns mit in die große Stadt zu nehmen. Und da anscheinend jeder Mensch, der sich für szenig/alternativ/was-auch-immer-hält (inklusive mir) in Friedrichshain wohnt, wurden wir quasi direkt an der WG abgesetzt. Extreme Sehnsucht nach einer ausgiebigen Dusche mit allem Drum und Dran. Und dann natürlich Zecken entdecken.

Wie konnte ich nur denken dass ich von ihnen verschont werden würde. Eine hatte sich mitten auf meiner Pobacke niedergelassen, die zweite fand die Wohngegend in meiner Leiste gemütlicher. Aber da bin ich rigoros, und drehe sie ordnungsgemäß mit einer Pinzette aus meiner Haut. Ich bin nicht bereit, zwei kleine Schmarotzer wie diese mit zu versorgen. Basta.

Also zurück in der Zivilisation. Schnell schön machen und anziehen, eine höchst interessante
Lesung besuchen, und dann mit N. treffen, der überraschend in der Stadt war. Auf ein Hausdach in Prenzlauer Berg klettern, wo eine kleine Grillparty stattfand, gegrillte Schokibananen futtern und über die Häuserdächer blicken…

Playlist:
Neuro N: „Goa Trance“

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