Von Sagen und Mythen

weiher

In diesem Buch geht es nicht mit rechten Dingen zu: „Die zehnte Muse“ von Alexander Pechmann ist ein Roman voller alter Geschichten.

Mit Fantasy-Romanen habe ich nicht viel am Hut, doch wenn jemand es geschickt hinbekommt, in einer Geschichte die Grenze zwischen der Realität und der Welt aus Träumen, Märchen und Mythen verschwimmen zu lassen, bin ich sofort gefangen. Das trifft oft auf die so genannten Gothic Novels zu, die im 19. Jahrhundert vornehmlich in England geschrieben wurden und anhand verschiedener Elemente klar als dem Genre zugehörig identifiziert werden können.

Alexander Pechmann, da bin ich mir sicher, kennt sich mit den Schauerromanen gut aus – denn mit Die zehnte Muse hat er selbst einen solchen Geschrieben (und es ist nicht sein erster). Hier treffen wir auf den Maler Paul Severin und den Journalisten und Abenteurer Algernon Blackwood, die sich 1905 in einem Zug Richtung Schwarzwald kennenlernen. Blackwood stellt sich mit einer ungewöhnlichen Frage vor: „Haben Sie je über das Wissen der Zeit nachgedacht?“

Severin ist zunächst verdutzt, doch der Aufhänger ist gut und die Beiden beginnen eine Unterhaltung – in der sie feststellen, dass zwischen ihnen eine seltsame Verbindung besteht: Severin hatte in London unter anderem das Bild eines schwarzhaarigen Mädchens gezeigt, das in einem Weiher steht; Blackwood behauptet, dieses Mädchen zu kennen:

„Es gibt vermutlich eine rationale Erklärung. Aber tief im Inneren bin ich fest davon überzeugt, dass ich das Mädchen, das Ihnen Modell stand, vor wanzig Jahren am Donisweiher gesehen habe. Und der Hintergrund ihres Bildes beweist mir, dass sie es ebendort gemalt haben. Sie haben es mit 1904 datiert. Ich traf dasselbe Mädchen im Sommer 1885.“

Wie kann das sein, fragt sich der Maler, war sie seiner Ansicht nach höchstens achtzehn Jahre alt? Dass sie damals von weit zurückliegenden Ereignissen – aus fernen Jahrhunderten – erzählte, hielt er für eine Eigenart ohne Bedeutung. Doch Blackwood ist anderer Meinung und erzählt ihm die Geschichte seiner kurzen, strengen Schulzeit in dem Dorf im Schwarzwald. Es folgt die Schilderung Severins, der das Mädchen – sie nennt sich selbst Talitha – bei einer Studienreise in denselben Ort kennenlernte. Sind hier Zauberkräfte am Werk oder ist alles nur ein auflösbarer Spuk?

Sagen

Der Schwarzwald ist seit jeher eine Gegend, in der sich Sagen und Mythen gehalten haben. Dunkle Wälder und undurchsichtige Seen laden noch immer dazu ein, hier Waldweiblein und Wassernixen zu vermuten, die Geschichten werden weiterhin – wenn auch mit einem Augenzwinkern – von den Anwohnern erzählt. Doch diese Erzählungen gehören zu jedem Kulturkreis dazu und bilden den wichtigen Grundstein der Tradition und lokalen Verwurzelung:

„Die meisten Menschen verlieren den Blick für die kleinen Dinge, wenn sie erwachsen werden, sie verlieren jedes Gespür für den Zauber, der sie umgibt. Doch je weniger sie darauf achten, desto hungriger wird ihre Seele, und irgendwann erwachen sie in einer grauen Welt und versuchen verzweifelt, sich an etwas zu erinnern, was sie längst vergessen haben.“

Alexander Pechmann wird das Rätsel um das geheimnisvolle Mädchen Talitha im Laufe des Romans auflösen, wenn auch anders, als ich es erwartet hätte. Entstanden ist so einer dieser Romane, in die man auf der ersten Seite hineingezogen wird, um erst mit der letzten Seite wieder aus dem entstandenen Kosmos aufzutauchen. Ein Schmöker voll mit altem Wissen um Aberglaube, Traditionen, Geheimnisse und Sagen. Ganz nach meinem Geschmack!

Alexander Pechmann
Die zehnte Muse
Roman, Steidl Verlag, 2020
Gebunden, 176 Seiten, 18,- Euro