Von wegen Waldeinsamkeit

Wald

Schönes Cover, heimeliger Titel: Doch hinter „Unser Leben in den Wäldern“ von Marie Darrieussecq versteckt sich eine Dystopie erster Klasse.

 

„Neben dem Modul in meinem Kopf habe ich, wie alle anderen, zwei Implantate: das eine unter der Haut des Unterarms, das andere unter dem Ohr, abgesehen von dem Badge des Zentrums unter dem Handgelenk. Es ist nicht kompliziert, die wegzumachen, aber es tut weh, das kann ich Ihnen sagen.“

Marie ist in Eile: Bevor sie stirbt, will sie aufschreiben, was geschehen ist, wie die Umstände in der Welt sind, in der sie lebt. In kurzen Absätzen, aus denen man ihre Hektik herausliest, erklärt sie – direkt an uns gerichtet – die grauenhaften Zustände ihrer Umgebung. Sie lebt mit einer großen Truppe anderer Flüchtlinge tief versteckt im Wald, sie hausen in rudimentär gebauten Tipis und beginnen damit, sich ein unterirdisches Tunnelsystem zu bauen.

Ziel ist es, offline zu gehen und nicht entdeckt zu werden von denen da draußen: Den Bewohnern der „Online-Welt“, beherrscht von hochintelligenten Robotern und gezeichnet von ausnahmsloser Totalüberwachung. Einer Welt, in der reichere Menschen sich eine „Hälfte“ leisten können, also einen Klon des eigenen Selbst, dessen Körper als Ersatzteillager dient, wenn man auf Organtransplantationen angewiesen ist. Marie hat dieses Szenario verlassen – ihre Aufzeichnungen auf von Feuchtigkeitkeit klammen Schreibheftseiten hinterlässt sie als Warnung an die Nachwelt.

Wald

Into the Woods

Wie alt Marie genau ist, erfahren wir nicht, doch es wird deutlich: Lange Zeit hegte sie keine Zweifel an dem System, in das sie hineingeboren wure. Dass sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter aufgrund eines Unfalls mit heimischen Elektrogeräten zu Tode kamen, wirkt wie ein Zufall; dass später sowohl ihr Partner Romero als auch ihre alte, freundliche Nachbarin auf undurchschaubare Weise zu Tode kommen, verursacht langsam ein Unwohlsein. Wird, wer ungewünschte Fragen stellt, einfach beiseite geschafft? Ihre Arbeit als Psychotherapeutin in einem Hochhausblock – in dieser Welt bewegt man sich nicht mehr auf natürlichem Boden, sondern nur noch in der Höhe – langweilt, die Freizeit in ihrer fensterlosen Wohnhöhle deprimiert sie. Bis eines Tages ein Hund vor ihr steht, auf dessen Halsband steht „Verschwinden sie jetzt„. Marie gehorcht, trotz ungewissem Ausgang, und flüchtet sich in den Wald. Immerhin, denkt man, gibt es die Wälder noch!

Die Vorstellung, wie unser Leben in der Zukunft aussehen könnte hat schon so manchen Autor und manche Autorin fasziniert und zu spekulativen literarischen bis phantastischen Ausflügen animiert. Marie Darrieussecq betreibt dies in ihrem Roman Unser Leben in den Wäldern besonders perfide: Das von der Hauptfigur – die ja ebenfalls Marie heißt – geschilderte Szenario wirkt zunächst harmlos und vertraut, Protestcamps in de Wäldern kennt man; doch mit mehreren wie nebenbei eingestreuten Sätzen entfaltet sich nach und nach eine so stark bedrohliche, gruselige Atmosphäre, bei der es einem kalt den Rücke hinunterläuft: zu möglich, ja fast schon zu wahrscheinlich wirkt das Ganze. Und einfach überhaupt nicht abwegig. Eine erschreckende, augenöffnende Geschichte – und zum Glück nur ein Roman!

Marie Darrieussecq
Unser Leben in den Wäldern
Aus dem Französischen von Frank Heibert
Secession Verlag, 2019.
Gebunden, 110 Seiten, 18,-€

1 Kommentare

  1. Oh wow, das Buch ist ja komplett an mir vorbei gegangen! Gut, dass du es hier so toll vorgestellt hast. Wandert sofort auf die Wunschliste! 🙏😍❤️

    Viele liebe Grüße
    Tina

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