Waldeinsamkeit: „Der Ruf der Stille“ von Michael Finkel

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Was bewegt einen jungen Mann, von jetzt auf gleich in den Wald zu ziehen? Michael Finkel hat die Geschichte des „Eremiten vom North Pond“ aufgeschrieben.

Nein, ein Eremit sei er nicht, überhaupt habe er sich in all den Jahren nie eine Bezeichnung gegeben, sei einfach er selbst gewesen. In all den Jahren, das bedeutet konkret: Sieben-und-zwanzig Jahre verbrachte Christopher Knight sein Leben im dichten Wald von Maine.

1986, da war er gerade mal zwanzig, beschloss er spontan, der Gesellschaft den Rücken zu kehren. Es gab keinen konkreten Anlass, keine familiären Probleme oder zwischenmenschlichen Missverständnisse, auch Geldsorgen gab es nicht. Nur das unbestimmte Gefühl, so nicht weiter machen zu können und nicht am richtigen Ort zu sein. Christopher Knight packte seine Camping-Ausrüstung und zieht los – einen Plan hat er nicht, auch besondere Vorbereitungen hat er nicht getroffen. Als er, versteckt zwischen großen Findlingen, eine kleine Lichtung entdeckt, richtet er sich dort ein.

Der Gesellschaft den Rücken zukehren

Was bewegt einen so jungen Mann, sich quasi aus dem Verkehr zu ziehen, ohne sich nur von seiner Familie zu verabschieden? Warum sucht man die völlige Exklusion in der Natur, ohne vorher darüber nachzudenken, wovon man sich ernähren soll? Letzteres löst Knight über die Jahre notgedrungen mit Einbrüchen in die nahe gelegenen Blockhütten eines Ferienlagers – was nicht nur die Bewohner misstrauisch und ängstlich werden lässt, sondern auch die Legende vom „Eremiten des North Pond“ in die Welt setzt. Diese ist abrupt zuende, als er bei einer seiner Diebestouren ertappt und festgenommen wird. Der Journalist Michael Finkel wird auf den mysteriösen Fall aufmerksam und nimmt Kontakt zu Knight auf, der ihm – eigentlich möchte er mit niemandem Kontakt haben – zögerlich antwortet.

Und Fragen beantwortet, denn oh: es gibt so viele Fragen an ihn! Wie hat er die harten Winter im Bundesstaat Maine überlebt, in denen die Temperaturen auf Minus zwanzig Grad fallen und mehrere Monate dauern? Wie hat er seinen Alltag gestaltet und hat er sich nie gelangweilt? Wie kann es sein, dass er fast drei Jahrzehnte nicht entdeckt wurde, obwohl die nächste Straße nur drei Minuten von seiner Lichtung entfernt lag?

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„Knight hatte aus dem Chaos eine wohnzimmergroße Lichtung erschaffen, die aus einigen Schritten Entfernung völlig unsichtbar war, geschützt von einem natürlichen Finlings-Stonehenge und einem Tannendickicht. Oben bildeten verschlungene Äste ein dachartiges Rankengatter, das den Einblick aus der Luft verhindert. Deshalb war Knight so käsig. Er hatte im ewigen Schatten gelegt.“

Abgesehen von den „harten Fakten“ um Christopher Knight und seine erstaunlichen Lebenskünste berührt das Buch auch einen anderen wichtigen Punkt: Warum ist es so verwerflich, wenn ein Mensch sich dazu entscheidet, sich auf sich selbst zurückzuziehen? Wieso wird nach seiner Festnahme alles daran gesetzt, in wieder zu einem „vollständigen Mitglied der Gesellschaft“ zu formen – obwohl er das überhaupt nicht möchte? Wie oft schwimmen wir einfach mit dem Strom, fügen uns den ungeschriebenen und geschriebenen Regeln, obwohl es uns nicht behagt? Was ist der Sinn des Lebens?

„Es verblütte ihn, dass man es völlig akzeptabel findet, im Austausch gegen geld einen Großteil seines Lebens in Großraumbüros zu hocken und auf Computerbildschirme zu starren, während man ein entspanntes Leben im Wald für gestört hält.“

„Der Ruf der Stille“ ist kein Roman mit handfestem Spannungsbogen, sondern die aufgeschriebene – wahre – Geschichte von Christopher Knight. Michael Finkel, der den Mann aus dem Wald mehrere Male im Gefängnis besuchte, lässt in die spärlichen Erzählungen seitens Knights Anekdoten und Motive aus dem uralten Topos des Eremit einfließen und bettet das wunderlich erscheinende Leben somit in eine übergreifende Frage ein. Er tut das mit höchstem Respekt gegenüber dem Mann, über den er schreibt – denn wer hat heutzutage noch den Mut, allen Annehmlichkeiten abzusagen? Doch die Stille, davon ist Knight überzeugt, war es wert.

Michael Finkel
Der Ruf der Stille. Die Geschichte eines Mannes, der 27 Jahre in den Wäldern verschwand
Goldmann Verlag, 2017

Gebunden, 254 Seiten, 18,-€
ISBN: 978-3-442-31468-3

2 Kommentare

  1. Thank you so much for this lovely review! (Even in translation into English, I could clearly feel that the story of Christopher Knight had an affect on you.) I’m grateful.
    — Mike

    • Fräulein Julia

      Dear Mike, oh yes, it clearly had an effect on me! Thank you for sharing this story.

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