Warum diese Wut? „Mit der Faust in die Welt schlagen“

Faust

Warum werden Jugendliche zu Neonazis? Lukas Rietzschel trifft „Mit der Faust in die Welt schlagen“ den Nerv der Zeit.

Am Freitag, 24. August fuhr ich mit einer Gruppe von Literaturbloggern und Journalisten auf Einladung des Ullstein Verlags nach Görlitz – im Gepäck hatten wir auch Lukas Rietzschel, den charmanten Mann Anfang zwanzig mit runder Hornbrille und Jute-Beutel. Lukas wuchs in der Gegend von Görlitz auf, in der, so nennt er es, Tristesse ostdeutscher Vororte.

Görlitz

Görlitz gehört zu den liberalsten Städten des Ostens, erklärt Lukas Rietzschel auf der Pressereise

In dieser Region spielt auch sein Roman Mit der Faust in die Welt schlagen, mit dem er diesen Herbst debütiert – und es ist, das lässt schon der Titel vermuten, kein fröhlicher und unbeschwerter Roman. Er handelt von den beiden Brüdern Tobi und Philipp, ihrer Kindheit und Jugend in Ostdeutschland, der kühlen Atmosphäre innerhalb der Familie, der Perspektivlosigkeit der Elterngeneration, der Armut und zunehmenden Gewaltbereitschaft – unter allem liegt so viel, oh so viel Wut, es schwelt und brodelt und explodiert irgendwann.

Brennende Asylbewerberheime, mit Hakenkreuzen vollgeschmierte Hauswände, Springerstiefel, Glatzen und Hitlergruß, bei Lukas Rietzschel gibt es in Ostdeutschland alles andere als „blühende Landschaften“. Mit der Faust in die Welt schlagen hat also einen ziemlich schalen Beigeschmack bekommen – doch streng genommen hatte es das auch vorher schon. Was dem Roman fehlt, sind die Gefühle, die Erklärungen: Wieso wird man zum Nazi, der alles ablehnt, was nicht seinen eigenen Vorstellungen entspricht? In den strukturschwachen Gegenden, so Lukas, habe es immer weniger Angebote für die Jugendlichen gegeben, aber gewisse Gruppen hätten eben dieses Gefühl des Zusammengehörens und der Freundschaft angeboten – was viele bereitwillig angenommen hätten. Auch er kenne Leute von früher, die diesen Weg eingeschlagen hätten.

Umso schlimmer, dass diese Gruppen es sind, die Häuser von Ausländern mit verschimmeltem Schweinefleisch bewerfen und ihren Hass offenkundig zur Schau tragen. Auch die beiden Protagonisten des Romans schließen sich den Neonazis an. Ziehen, getrieben von Hass, brandschatzend durch die Gegend, im Hinterkopf das Ziel, ein „reines Deutschland“ zu verteidigen – etwas, was mir aus Manja Präkels Roman Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß bereits bekannt vorkam (der allerdings aus der Perspektive der „Gejagten“ geschildert wird). Als auf dem Schulhof von Tobi und Philipp ein großes Hakenkreuz auf einen Findling gesprüht wird, stellt sich ein Lehrer schützend davor, will das Zeichen verdecken – aber es wird kein erklärendes Gespräch mit den verdutzten Schülern geführt, man schweigt, wiegelt ab.

Es ist erschütternd zu lesen, mit welcher Gleichgültigkeit diese Angriffe vom Rest des Dorfes wahrgenommen werden. Es wird geschwiegen, weggeschaut, sich geduckt – abgesehen davon „haben die es ja verdient“, man selber sei hier schließlich das Opfer. Eine Attitüde, die sich durch das gesamte Buch zieht und nur schwer zu ertragen ist.

 

„Du kannst nichts dafür, sagten sie. ‚Die versuchen unserer Familie schon immer eins reinzuwürgen.‘ […] Er konnte nichts dafür, es war nicht seine Schuld. Er begann daran zu glauben.“

Spätestens als die Gruppe der Neonazis – wörtlich genannt werden sie so nicht – auf einem Volksfest eine Schlägerei anzettelt, die ihnen dazu dient, eine Gruppe von syrischen Flüchtlingen mit aller Gewalt zu verprügeln, wird mir beim Lesen schwindelig. Zwei Tage nach der Pressereise fühlt es sich an, als wäre die fiktive Romanszene von Lukas Rietzschel in Chemnitz zum Leben erwacht. Es ist nicht möglich, sich in die Romanfiguren hineinzufühlen, Verständnis für ihr Handeln zu entwickeln (was ich auch gar nicht möchte), denn Rietzschel hat in seinem Text nicht nur darauf verzichtet, die Protagonisten in ihrem Äußeren zu beschreiben – er lässt auch alle Gefühle weg. Diese Kälte, die das Buch durchzieht, ist gewollt.

„Mit seinen 23 Jahren hat er den Roman unserer Zeit geschrieben“, schreibt Verleger Gunnar Cynybulk im Vorwort des Buches – wenn das wirkliche unsere Zeit ist, dann haben wir ein Problem. Mit der Faust in die Welt schlagen ist ein starkes, ziemlich beklemmendes Debüt, das von der Realität überholt wurde. Lest es, und dann vergesst niemals: „Wehret den Anfängen!“

Lukas Rietzschel
Mit der Faust in die Welt schlagen
Ullstein Verlag, 2018
Hardcover, 320 Seiten, 20,-€
ISBN-13 9783550050664

Ich danke dem Ullstein Verlag für die Einladung und den – trotz des schweren Themas – wundervollen Tag in Görlitz. Was wir dort sonst noch gemacht und gesehen haben, lest ihr auf dem hauseigenen Blog Resonanzboden.

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