Was geht: Die Berliner Kunstszene im Januar

Kunstszene

In Berlin kann man (fast) jeden Abend auf eine Vernissage gehen, sich bei einem Glas schweren Rotwein über die aktuellen Themen echauffieren, vielleicht auch ein bisschen Kunst anschauen, über eine Performance rätseln oder sich die beliebte Frage stellen: „Was will der Künstler uns damit sagen?“ Ich bin auf vielen dieser teilweise absurden Veranstaltungen zugegen – und möchte meine Erlebnisse nun monatlich mit euch teilen!

„Der Wedding kommt!“, heißt es seit gefühlten zwanzig Jahren. Tut er das nun tatsächlich? Kurz hinter den Uferhallen, sozusagen im gemütlichen Teil des Stadtteils, liegt das Café Dujardin. Dorthin haben die Macher des neuen Formats „NUN – Die Kunst der Stunde“ die Berliner Kunst-Clique geladen,  zu einem „unabhängigen Talk-Format über Kunst, Kritik und Komodowarane“. Geraffte Gardinen an den Fenstern und eine uralte Asbach Uralt-Leuchtanzeige über der Theke verraten, dass das hier mal eine typische Eckkneipe war; nun haben kupferne Kugellampen und grau gestrichene Wände die Räume verwandelt.

„Der Unfalltod von Lady Di war das Tschernobyl der 90er“

Draußen liegt Schnee, die Schlange am Eingang ist lang. Ich zahle 5€ Eintritt und bekomme einen kleinen Plastikanhänger geschenkt, die Buchstaben N U N muss ich selber in die ausgestanzten Löcher drücken. Der Blick in den Diskussionsraum, in dem vielleicht 20 Leute Platz finden, ist durch große Menschen verstellt – hätte ich doch meine hohen Stiefel anziehen sollen, trotz Schnee? – also erstmal Wein holen. Auf dem Pullover der Bedienung steht „Koitus“ und ich begnüge mich mit einem Platz im Vorraum, in dem ich der Power Point Präsentation nicht folgen kann und von der Diskussion kaum etwas zu hören ist.

Wobei Diskussion der falsche Begriff für das ist, was an diesem Abend geboten wird: Elke Buhr (Chefredakteurin Monopol), Tim Renner (ehem. Kulturstaatssekretär) und Paul Feigelfeld (Kulturwissenschaftler) erzählen, welche Frisuren sie in den 90er Jahren getragen haben, denn darum hatte sie Holm Friebe in seiner Aufgabe als Moderator gebeten und damit auf die Renaissance dieses Jahrzehnts sowohl in Mode, Popkultur als natürlich auch in der Kunst verwiesen.

Das ist eine schöne Idee, denke ich, finde dann aber nicht die Verknüpfung zum eingangs erwähnten Ziel des Abends: Kunst habe keinen Diskurs mehr, heißt es, nicht in der Zeitung und schon gar nicht im Fernsehen. Weshalb man diesen Diskurs nun in die Kneipe holen wolle, erzählt Holm Friebe – um dann die erste These in den Raum zu werfen: „Der Unfalltod von Lady Di war das Tschernobyl der 90er“. Sagt es – und wechselt das Thema. Aber, und das wurde auch zu Beginn betont: „Dies ist ein Experiment, eine soziale Skulptur!“ Ich bin gespannt auf die nächste Ausgabe!

Kunstszene

„NUN – Die Kunst der Stunde“ im Café Dujardin

Witches not Bitches

Ein paar Tage später in Mitte: In Berlin, so kommt es mir seit meiner ersten Begegnung mit dieser Stadt vor, gibt es zwei Kunstszenen: Die „hochoffizielle“ mit den etablierten Galerien, die sich das Kunstjahr auf diversen Messen vertreiben – und die eher alternative Szene, geprägt von Projekträumen und Künstlerkollektiven. Erstere ist immer einen Besuch wert – letztere aber in den meisten Fällen spannender.

Für ihre Ausstellung „Urban Witches“ hat Viviana Druga die neurotitan gallery am Hackeschen Markt in ein Panoptikum aus Kitsch verwandelt: orientalische Teppiche neben Patchworkdecken, glitzernden Totenköpfen, Plastikpuppen und schillernden Einhornfiguren, Traumfängern und hinduistischen Götterbildern bilden kleine traumhafte Kulissen für verschiedene Performances, die am Eröffnungsabend stattfinden.

Wohin zuerst schauen? Im Eingangsbereich tanzt eine Frau, sie ist nackt, ihr Gesicht ist hinter einer Maske aus Stroh versteckt und zwischen ihren Beinen schlängelt sich ein rotes Band entlang. Sie wirft mit Brotlaiben um sich, was absurd klingt, aber ziemlich beeindruckend aussieht. Jede Performances an diesem Abend repräsentiert ein Ritual, welches an einem Festtag aus dem heidnischen Kalendar durchgeführt wird und zugleich einen neuen Blick auf die Kraft der Weiblichkeit bietet. Ich möchte am liebsten jeden Zentimeter der Galerie fotografieren.

Kunstszene

„Witches not Bitches“ in der neurotitan gallery

Die Quadratur des Kreises

Zurück zur „hohen Kunst“, ebenfalls in Mitte: Das KW Institute of Contemporary Art hat seit kurzem einen neuen Kurator: Krist Gruijthuijsen möchte die Kunst-Werke in neue Bahnen lenken. Schon bei „NUN“ war darüber diskutiert worden (zusätzlich zu der richtigen Aussprache seines Namens), womit er Berlin wohl beglücken würde. Für den Auftakt hat er sich Ian Wilson ausgesucht, einen südafrikanischen Künstler, der seit den 1960er Jahren seine Arbeiten immer mehr reduziert, bis sie überhaupt nicht mehr sichtbar, sondern nur noch hörbar sind: Er beschäftigt sich u.a. mit den abstrakten Themen Zeit und Sprache.

Nicht uninteressant klingt das – doch man muss das alles auch wissen, wenn man die Ausstellung im KW Institute besucht. Als ich den ersten Raum betrete, sehe ich wenig außer ein paar gerahmten Zitaten von Wilson – und einen weißen Kreidekreis auf dem Betonboden, der (was ja naheliegend ist) mit „Circle on the floor“ betitelt ist und 1968 entstanden ist. Seit den späten 1960ern untersucht Wilson das „ästhetische Potential der gesprochenen Sprache“ und löste sich immer weiter von den physischen Objekten – bis seine Arbeiten auf das minimalste reduziert (siehe Kreis) oder komplett vergänglich waren (in seiner Reihe „Discussions“ führte er Gespräche mit anderen Menschen, die nicht aufgezeichnet wurden; zurück bleibt nur das, an was sich die Teilnehmer erinnern).

Im KW Institute führt das an diesem Samstagnachmittag aber allenfalls zu fragenden Gesichtern. Ian Wilson – ebenso die Sound-Installation von Hanne Lippard, für die man ewig anstehen muss – ist definitiv nichts für einen Besuch á la „Lass uns mal kurz in die Kunst-Werke hineinschauen“ – hier braucht es Zeit und intensive Auseinandersetzung mit der Thematik. Und die Diskussion natürlich – dafür gibt es ja jetzt „NUN – Die Kunst der Stunde“ und so schließt sich der Kunst-Kreis!

„NUN – Die Kunst der Stunde“, nächster Termin am 8. März im Café Dujardin im Wedding
„Urban Witches“ in der neurotitan gallery noch bis zum 28. Januar
Ian Wilson / Hanne Lippard im KW Institute noch bis zum 14. Mai

 

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