Welten auseinander

Julia Franck

In „Welten auseinander“ erzählt Julia Franck die beeindruckende Geschichte einer schwierigen Kindheit – es ist ihre eigene.

Vielleicht hat man sich das als Kind manchmal gewünscht: Alles tun dürfen, worauf man Lust hat; keine Regeln befolgen müssen, die die Eltern aufgestellt haben und die man in seiner jungen Sichtweise noch nicht nachvollziehen kann. Doch das es umgekehrt auch sehr anstrengend sein kann, wenn niemand in der Familie eine klare Struktur vorgibt, wenn man mehr oder weniger komplett allein auf sich gestellt ist – das erzählt Julia Franck in ihrem neuen Buch Welten auseinander.

Es ist die Geschichte ihres eigenen Aufwachsens. Sie wird 1970 in Ost-Berlin geboren, als Zwillingstochter einer Schauspielerin und eines Regisseurs, den sie erst als Erwachsene kurz vor seinem Tod richtig kennenlernen wird. Weil die Mutter ständig auf Reisen ist und schon eine ältere Tochter hat, kommen die beiden Mädchen zunächst in eine Pflegefamilie; nach mehreren Anträgen dürfen sie dann Ende der 70er Jahre nach Westdeutschland ausreisen. Es folgen zwei Jahre Notaufnahmelager in Berlin-Marienfelde, bevor Anna Franck mit ihren – mittlerweile vier – Töchtern nach Norddeutschland zieht.

Hier sind sie die Außenseiter, nicht nur als Zugezogene, sondern auch, weil sie alle Konventionen der spießbürgerlichen Gesellschaft missachten:

„Die Kinder im Dorf beobachteten uns, sie flüsterten hinter vorgehaltener Hand, etwas lauter kommentierten sie unsere dreckigen Füße und fragten, ob wir keine Schuhe hätten, warum unsere Mutter nackt im Haus und Garten rumlaufe und der Garten keinen Zaun hätte, warum all der Tüdelkram bei uns rumfliege, wo unser Auto, wo unser Vater und ob unsere Mutter eine Nutte sei.“

Julias Mutter steht erst am Mittag auf; die Kinder müssen sich selbst versorgen und mit den klapprigen Fahrrädern in die Waldorfschule fahren, wo sie Sozialplätze bekommen haben. Die Zwillinge kämpfen um die Aufmerksamkeit und Zuneigung ihrer Mutter, doch die ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Als Julia zarte dreizehn Jahre alt ist, hält sie es nicht mehr aus und zieht zu Freunden nach Westberlin. Wo sie in den kommenden Jahren langsam aber sicher ihr eigenes Leben auf die Reihe kriegt, indem sie mit dem Schreiben beginnt – und auch dank ihrer ersten großen Liebe, Stephan.

Nach Lagerfeuer (2003), in dem die Autorin ihre Zeit im Notaufnahmelager literarisch verarbeitete, nach Die Mittagsfrau (2007), das die Geschichte des Vaters erzählt und mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde und Rücken an Rücken (2011), das sich der schwierigen Kindheit der eigenen Mutter widmet, kehrt Julia Franck erneut zu ihrer Familiengeschichte zwischen Ost und West zurück. Doch Welten auseinander ist anders: Es steht nicht „Roman“ auf dem Cover, es handelt sich um eine – in Einzelheiten womöglich leicht verfremdete, aber doch nah an den Geschehnissen erzählte – Art Autobiographie der Adoleszenz Francks.

Diese nicht unter dem Vorwand der Fiktion aufzuschreiben, wird die Autorin einiges an Mut gekostet haben – merkt man doch, wie viel Scham und Schmerz das Kind durchlitten haben muss; Scham und Schmerz, die in der schonungslosen Konfrontation mit und Niederschrift der Erinnerung vermutlich wieder hochgekommen sind. Das wird deutlich, wenn Franck in manchen Passagen aus der Ich-Perspektive in eine allwissende Erzählperspektive gleitet, von außen betrachtet schreibt, wie „das Mädchen“ sich gefühlt hat. Die erzählerische Distanz als Möglichkeit, Unaussprechliches ein Stück weit von der eigenen Person zu lösen und dann eben doch auszusprechen. Eine Distanz, die bisweilen zwischen Autorin und „Hauptfigur“ herrscht, den Leser*innen aber noch mehr Nähe und Empathie ermöglicht.

„Das Mädchen spürt und sagt, dass es nichts könne, nichts wolle und niemand sei. Im selben Augenblick schämt es sich für seine Offenheit. Es weint, dass es sich nicht mehr erinnern könne, wann es zum letzten Mal in den Arm oder auf einen Schoß genommen worden sei.“

Julia Franck ist eine dieser Autorinnen, deren Bücher niemanden kalt lassen, die mittenrein ins Herz gehen – und zwar nicht auf die angenehme Art und Weise. Welten auseinander reiht sich bestens ein in diese Geschichten über hartherzige Mütter und Vernachlässigung, über die Unfähigkeit, Liebe zu zeigen und das Selbstverständnis, Liebe nicht verdient zu haben. Dies ist kein Wohlfühlbuch, kein kuschelige Erinnerung an eine Waldorfkindheit. Und genau das macht es so stark.

Julia Franck
Welten auseinander
S. Fischer, 2021
Gebunden, 386 Seiten, 23 Euro