Weltenwanderer der Liebe: „Kein Wunder“ von Frank Goosen

Foto: Alexander Buschorn / Wikimedia Commons

Ruhrpottautor Frank Goosen hat mit „Kein Wunder“ einen neuen Roman vorgelegt, der hauptsächlich 1989 in West-Berlin spielt – und in dem jeder Satz sitzt!

Wer ein Buch von Frank Goosen zur Hand nimmt, weiß, was ihn erwartet: Der 1966 in Bochum geborene Mann ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Kabarettist. In den 90ern beglückte er mit der Veranstaltung „Tresenlesen“ die Freunde gepflegten Kicherns, und wenn man einmal damit beginnt, Texte auf die nächste Pointe hin zu schreiben, dann kann man wohl nie wieder damit aufhören.

Und so ist auch Kein Wunder ein – entschuldigt die abgegriffene Phrase – „humoristisches Feuerwerk“, in dem jeder Satz ein Treffer ist, sich die Gags die Klinke in die Hand geben und die Protagonisten vor verbaler Schlagfertigkeit nur so strotzen. Was für manche verschreckend klingen mag, ist aber vor allem eins: Verdammt lustig!

Weltenwanderer der Liebe

1989 ist die Welt noch in Ordnung, zumindest bei Brocki und Förster in Bochum: Man studiert vor sich hin, trinkt Bier, sinniert über Beziehungsprobleme. Und fährt gelegentlich mit dem klapprigen VW Jetta über die Transitstrecke nach West-Berlin, um den dritten aus dem Bunde – Fränge – zu besuchen. Weil der „antifaschistische Schutzwall“ noch steht, bringt das allerlei groteske Situationen mit sich, etwa wenn Brocki, der sich aus Liebeskummer auf der Fahrt in die große Stadt betrinkt, dem Grenzer entgegen lallt: „Möchten Sie auch manchmal barfuß im Todesstreifen tanzen, Herr Oberförster?“

Fränge hat sich in die Frontstadt verzogen, wo er vorgibt, vor der Wehrpflicht zu fliehen (obwohl er, das verrät er aber selten, als untauglich ausgemustert wurde) und regelmäßig rüber nach Ost-Berlin fährt. Der Grund, na klar: eine Frau namens Rosa. Dass auch im Westen eine Herzensdame – Marta – Fränge beglückt, sieht er in seiner Rolle als „Weltenwanderer der Liebe“ als selbstverständlich an. Das geht eine ganze Weile gut, schließlich trennt die beiden Frauen eine, zumindest von der einen Seite aus gesehen, unüberwindbare Mauer und sie können nichts voneinander wissen. Blöd nur, dass diese Mauer irgendwann „fällt“…

Berlin

Drei junge Männer Anfang Zwanzig, mit wenig Geld und vielen Flausen im Kopf und dann noch in Berlin – das kann früher oder später nur zu skurrilen Verwicklungen führen. Frank Goosen, der in seinen Roman einige autobiographische Erinnerungen hat einfließen lassen, schildert die spannungsgeladene Zeit kurz vor dem Mauerfall mit fein ausgearbeiteten Sätzen, der Roman liest sich schnell und das Schmunzeln nimmt kein Ende. Doch auch kritische Töne klingen mitunter an, meistens dann, wenn es um die noch anhaltende Teilung Deutschlands geht:

„Plötzlich ist Ungarn als Urlaubsland ganz besonders interessant. Und alle nehmen einen ziemlich langen Urlaub. Du hast den Eindruck, in Ungarn, da ist ein Loch in der Welt, und in dieses Loch fallen sie alle hinein. Oder heraus. Sie fallen aus der einen Welt heraus, aus der, die sie kennen, aber wo fallen sie hin?“

gibt Bernd zu bedenken, ein Musiker aus Ost-Berlin, wahrscheinlich der Künstlerszene des Prenzlauer Bergs zugehörig. Bevor er einen altbekannten DDR-Witz erzählt. Westberlin, Ost-Berlin, Bochum – Fränge, Förster und Brocki sind nicht nur Weltenwanderer der Liebe, sondern auch Wanderer zwischen verschiedenen Subkulturen und Ländern, zwischen Fortschritt und Nostalgie.

Als Leser sitzt man ihnen bei einem Kaffee auf „der Bergmann“, sonnt sich am FKK-Strand der Kaulsdorfer Seen und spürt den missmutigen Blick der Volkspolizisten am Grenzübergang Friedrichstraße, auch wenn man das nie selbst erlebt hat. Tatsächlich gelingt es Goosen, trotz zahlreicher Gags nicht in den Klamauk abzurutschen, sondern eine humorvolle, aber auch nachdenkliche Geschichte der „beiden Deutschlands“ zu erzählen – aus dem letzten Sommer des Kalten Kriegs.

Frank Goosen
Kein Wunder
Kiepenheuer & Witsch, 2019
Gebunden, 352 Seiten, 20,-€

 

Foto: Alexander Buschorn / Wikimedia Commons

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