Roadtrip mit Psychose – „Fuchsteufelsstill“

„Fuchsteufelsstill“ ist eine humorvoll-liebenswerter Roadtrip dreier Menschen, die eins gemeinsam haben: Sie alle sind Patienten einer psychiatrischen Station in Berlin. 

„Die Bücher aus der Ullstein fünf-Reihe möchte ich unbedingt alle lesen!“, war ich überzeugt. Nach Betrunkene Bäume von Ada Dorian griff ich also zu Niah Finniks Roman Fuchsteufelsstill – und musste nach ein paar Seiten mit dem Lesen aufhören. Zunächst.

Juli ist Autistin – sie wurde mit dem Asperger-Syndrom diagnostiziert – und landet nach einem gescheiterten Suizidversuch in der Tagesklinik des Berliner Urban-Krankenhauses. Der Name wird zwar nicht explizit genannt, war aber für mich eindeutig zu erkennen: Die Stationen 27 und 21, auf denen die Geschichte ihren Anfang nimmt, kenne ich aus eigenen Erlebnissen – auf letztere brachte ich vergangenes Jahr meine Ex-Freund, der unter Depressionen litt. Die Erwähnung des Stationsnamens, gekoppelt mit wiedererkennbaren Merkmalen, riss sofort die bisher nur notdürftig verheilten Wunden auf. Mein Herz stolperte, dann raste es, dann begann es fürchterlich zu schmerzen. Wie sollte ich so ein Buch weiterlesen?

„Manchmal muss man durch den Schmerz durchgehen“, heißt es, dann wird es besser. Ich las also weiter – zum Glück! Denn die Geschichte um Juli, Sophie (Diagnose Bipolare Störung) und Philip (Diagnose Schizophrenie) ist eine ganz charmante. Nachdem sie sich in der Tagesklinik ein paar Mal beschnüffelt haben, schweißt sie ein besonderer Vorfall zusammen: Weil einer ihrer Mitpatienten nicht in der Klinik erscheint, wird Juli unruhig; sie erschleichen sich seine Adresse und brechen in seiner Wohnung ein – um dort festzustellen, dass er sich erhängt hat. Wie konnte das sein, hatte er nicht nach einer schweren Depression noch fröhlich seiner Entlassung entgegen gesehen? Ein wichtiges Zeichen für erhöhte Suizidalität, sagt die Kunsttherapeutin in mir sofort. Das weiß auch Juli:

Wir alle wiesen ein hohes Risiko auf, an Suizid zu sterben, das war Teil unserer Diagnosen. Nun war einer von uns gestorben, und niemand wusste, warum. Psychiatrische Erkrankungen verliefen in einundzwanzig Prozent tödlich, die Klinik schränkte das Risiko ein, doch nicht immer, und sobald einer über die Klippe sprang, fingen die anderen an, vorsichtig über den Rand zu lugen.

„Zieht Mundwinkel hoch“

Das ungleiche Trio – jeder mit seinem Päckchen Psychose bzw. anderer psychischer Störungen im Schlepptau – beschließt, das Wochenende miteinander zu bringen. Immer nach Norden wollen sie wandern, denn dort zieht es Juli hin. Als Ich-Erzählerin erfahren wir von ihrer Unfähigkeit, die Gefühle von anderen Menschen zu deuten, auch sie selbst zeigt keine Gefühle. Sie braucht ihre strengen rituellen Abläufe im Alltag, ansonsten funktioniert sie nicht. Liebe erklärt sie sich mit den Theorien der Quantenphysik und dass jemand Freude ausdrückt, erkennt sie nur an dem Merkmal „zieht Mundwinkel hoch“. Weshalb es für sie äußerst verwirrend wird, als sie sich erotischer Gefühle für Philipp bewusst wird – der wiederum heimlich seine Tabletten abgesetzt hat, weil er Juli für eine Produkt seiner optischen Halluzinationen hält. Das kann nicht lange gut gehen…

Manchmal klingen die Beschreibungen der drei Protagonisten wie aus dem Lehrbuch: Eingeflochten in die Beschreibungen von Sophie und Philipp finden sich alle Symptome wieder, die man auch im Kapitel F des ICD-10 nachlesen kann (das ist das Kapitel über die psychischen Störungen im Handbuch u.a. für Psychiater und andere Therapeuten). Dennoch gelingt Niah Finnik immer, das bloße platte Nachplappern zu vermeiden und die Charaktere plastisch zu gestalten. Die Innenschau der Hauptfigur Juli steht dabei eindeutig im Mittelpunkt: Die Autorin hat ja selber das Asperger-Syndrom und Juli sicherlich einige autobiographische Züge verpasst.

So ist ein Buch entstanden, welches mit viel Humor und ebenso viel nötigem Respekt von psychischen Erkrankungen erzählt – und darauf hinweist, dass es keinen Grund gibt, davon betroffene Menschen aus der Gesellschaft auszugrenzen. Im Gegenteil!

Niah Finnik
Fuchsteufelsstill
Ullstein fünf, 2017
Klappenbroschur, 304 Seiten, 14,99€
ISBN-13 9783961010035

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