Häuserkampf in Ost-Berlin

HausbesetzerBesetztes Haus in Berlin-Mitte / Foto: Wikimedia Commons, Jotquadrat

1990 in Ost-Berlin: Schloss knacken, Möbel vom Sperrmüll sammeln und einziehen – Sebastian Brandt ist mitten drin in der Hausbesetzerszene rund um den Rosenthaler Platz. 

„Ihr kriegt uns hier nicht raus! Das ist unser Haus…!“, sangen Ton Steine Scherben bereits 1972, als das besetzte „Rauch-Haus“ im Kreuzberger Bethanien mit viel Krawall von der Polizei geräumt wurde. Knapp 20 Jahre später erlebt die Hausbesetzer-Szene wieder einen legendären „Sommer der Anarchie“: Die Mauer ist weg, der ehemalige Ost-Teil der Stadt zerbröselt vor sich hin, die Wohnungen stehen leer. Eine große Spielwiese zur Selbstverwirklichung einer neuen Gesellschaftsidee, ist eine Gruppe Studenten überzeugt – und besetzt kurzerhand einen großen Gebäudekomplex am Rosenthaler Platz.

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„Nicht nur das Haus, der ganze Osten lag ja da, als hätte ihn jemand einfach so liegengelassen. Überall Sachen, die keinem gehörten, am Grenzübergang an der Chausseestraße stand ein ganzes Haus leer, das wir und die anderen Besetzer in den Wochen darauf plünderten, die Waschbecken, die Fenster, die Wasserrohre, die Steckdosen, die Türklinken, ganze Türen, alles unter den Augen der Grenztruppen, die auf der Chausseestraße die Autos durchwinkten, es wurde ja pro forma noch kontrolliert. […] Die alten Spielregeln galten nicht mehr und die neuen waren noch nicht in Kraft.“
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In der riesigen Gemeinschaftsküche ist Platz für jedes ausufernde Plenum, in dem man sich die Köpfe heiß diskutiert – und sich nach und nach in einen unauflösbaren Wust aus Kampf gegen Sexismus, Ungerechtigkeit, Diskriminierung, Nazis und für Gleichberechtigung, Überwindung gesellschaftlicher Moralvorstellungen und spießigen Zweierbeziehungen verwickelt.

Doch letztendlich steht immer wieder im Vordergrund: Wer hat mit wem geschlafen, hat sich nachts heimlich unter eine andere Bettdecke geschlichen und fremdgeknutscht – und ist nicht überhaupt sogar der Geschlechtsakt an sich schon total sexistisch? Vor lauter Akzeptanz und gleichzeitigem Beharren auf die eigene Meinung kommen sie zu keiner Lösung:

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„Okay, Tobias, ich verstehe deinen Standpunkt und respektiere ihn auch, und ich finde, wie gesagt, wir sollten darüber jetzt diskutieren. Ist doch gut, wenn auch mal klar wird vor einer bestimmten Öffentlichkeit, dass es bei uns auch unterschiedliche Meinungen gibt.“
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HausbesetzerUnd dann steht auch noch immer häufiger die Polizei vor der Tür, denen die Hausbesetzer ein Dorn im Auge sind, und wartet darauf, dass sie zuschlagen können. Doch die Solidarität zwischen den Besetzern ist groß, hat eines der Häuser Stress – zum Beispiel während der Straßenschlacht zur Räumung der Mainzer Straße in Friedrichshain – sind die anderen zur Stelle.

Den neu gewonnenen Freiraum will man nicht tatenlos aufgeben und überhaupt: hat man nicht streng genommen nur gute Absichten? Nazis verprügeln, Sexisten an den Pranger stellen, freie Liebe praktizieren, Kunst machen, diskutieren? Doch nach und nach frisst die Revolution ihre Kinder, gibt es immer mehr Streit, Fronten innerhalb des Hauses, die unauflösbar scheinen. Gibt es einen Polizei-Spitzel unter ihnen?!

Andreas Baum, Redakteur beim Deutschlandradio Kultur, erzählt diese Geschichte derart lebendig und authentisch, dass ich vermute, er war selbst ein Teil der damaligen Szene – oder doch nicht? (Er schrieb im vergangenen Jahr z.B. ein Feature über diese Zeit für Deutschlandradio Kultur).

Letztendlich ist das aber nicht wichtig, denn auch ohne dass der Autor hautnah in die Geschehnisse der unmittelbaren Nachwendezeit verwickelt gewesen ist, kann man diesen Roman wie eine spannende Geschichtsstunde einer Zeit lesen, die noch gar nicht so lange vergangen ist – und sich gleichzeitig (erst vor ca. zwei Jahren wurde das letzte besetzte Haus am Rosenthaler Platz geräumt) bereits unerreichbar weit weg anfühlt!

Andreas Baum
Wir waren die neue Zeit
Rowohlt Verlag, 2016
Hardcover, 283 Seiten, 19,95€
ISBN 978-3-498-05810-4

 

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