Woher wir kommen

VietnamFoto: Hưng Nguyễn Việt / Unsplash

Welche Rolle spielt die Herkunft unserer Vorfahren? Khuê Phạm geht in „Wo auch immer ihr seid“ der Familiengeschichte vietnamesischer Auswanderer nach.

„Wo kommst du her? Ich meine: Wo kommst du wirklich her?“ Schon oft habe ich mich gewundert, warum Menschen, die in irgendeiner Form ihres Aussehens von der angeblich ‚bundesdeutschen Norm‘ abweichen, diese Frage gestellt wird. Was soll das heißen: Wo kommst du wirklich her? Reicht Düsseldorf als Antwort nicht? Bekäme ich diese Worte zu hören, würde ich vermutlich nicht so verständnisvoll reagieren, wie es Viele tun.

Doch Kiều, die Hauptfigur in Khuê Phạms Roman Wo auch immer ihr seid übt sich in Nachsicht bei diesem Thema. „Wo kommst du her? Ich meine, was sind deine Wurzeln?“ Vielleicht wissen die Fragesteller es nicht besser, es ist ja auch nett gemeint, die Intention dahinter ersichtlich? Und könnte man diese Frage nicht auch anders begreifen?

„Nicht als Frage, die nur der Name eines vermeintlichen Ursprungslandes beantworten kann. Sondern als Suche nach all denen, die vor mir kamen und ihre Spuren auf sichtbare und unsichtbare Weise auf dem Weg in die Gegenwart hinterlassen haben.“

Kiều ist dreißig Jahre alt und wohnt zusammen mit ihrem freiheitsliebenden Partner in Berlin, nennt sich aus Gründen der Einfachheit seit langem Kim und hat mit Vietnam mittlerweile wenig zu tun. Dort sind ihre Eltern geboren: Sie kamen beide 1968 mit einem Studienstipendium nach Westdeutschland – und blieben. Es war eine einmalige Chance, dem in ihrem Heimatland herrschenden Vietnamkrieg zu entgehen und ein neue Leben in Frieden zu beginnen. Als Kiều überraschend eine Nachricht von ihrem Onkel erhält, der ein paar Jahre nach ihren Eltern in die USA ausgewandert war, beginnt für sie eine Reise im doppelten Sinne: Nach Kalifornien, wo das Testament ihrer verstorbenen Großmutter verlesen wird. Und zu den Wurzeln ihrer Familie.

In ihrem Roman, der auf ihrer eigenen Familiengeschichte basiert, nimmt uns Khuê Phạm mit auf eine Reise in eine Welt, die vielen von uns unbekannt sein dürfte: Wie fühlt es sich an, in ein fremdes Land auszuwandern und dort – trotz aller möglichen Versuche, sich möglichst lückenlos zu assimilieren – dennoch immer als „fremd“ betrachtet und für das „hervorragende Deutsch“ gelobt zu werden? Kiềus Eltern haben viel Kraft und Zeit investiert, um „deutsch“ zu werden, mit BMW in der Garage und Weihnachtsbaum im Wohnzimmer; letzteres nur, weil man das hier eben so macht.

„Wie oft habe ich mir gewünscht, in einer Familie aufzuwachsen, die nicht erst deutsch werden musste, sondern es einfach schon war“

Auf ihrer Reise nach Kalifornien merkt Kiều, dass sie wenig weiß über die Vergangenheit ihrer Eltern, der Onkels und Tanten, über vietnamesische Sitten und Gebräuche und woher eigentlich diese unausgesprochene Regel kommt, dass man rund um die Uhr arbeiten muss, wenn man etwas gelten möchte. Wie unterscheidet sich das Leben von Vietnamesen und Vietnamesinnen in Deutschland und den USA? Indem sie immer mehr Details über Krieg, Flucht, Sorgen und Wünsche ihrer Familie erfährt, beginnt sie auch, ihr eigenes Leben zu hinterfragen. Mit einem überraschenden Ergebnis.

Wo auch immer ihr seid ist eine berührende und liebevolle Geschichte von der Suche nach den eigenen Wurzeln und der davon geprägten Identität – die letztendlich nicht auf einen Ort, eine Sprache oder eine Hautfarbe reduziert werden sollte. Es ist auch eine Geschichte von Durchsetzungskraft und Mut; dem Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Khuê Phạm
Wo auch immer ihr seid
btb Verlag, 2021
Gebunden, 304 Seiten, 22 Euro