Zu Besuch in… Belgrad

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„Das sieht hier ja aus wie der Prenzlauer Berg in den 90ern!“, sagte der Mann, kurz nachdem wir in Belgrad angekommen waren. Ich wusste nur eins: Ich hatte mich bereits nach dem Aussteigen aus dem Flughafenbus in diese Stadt verliebt.

Wir waren mit einem ziemlich frühen Flug aus Athen gekommen, wo wir übernachtet hatten, weil es keine Direktflüge von Heraklion mehr gegeben hatte. Den Flughafen hatten wir nur erreicht, weil uns eine hilfsbereite Kanadierin in ihrem Mietwagen dorthin fuhr – aufgrund des Feiertags (1. Mai) waren in Griechenland alle Buslinien bis in den Vormittag stillgelegt. Ein ähnliches Bild dann in Belgrad: Als uns der Flughafenbus am Trg Slavia rauswirft, kommen wir erstmal nicht weiter: Die Straße ist gesperrt wegen einer mittelgroßen Mai-Demonstration. Viele rote Fahnen und energische Rufe begleiten uns, als wir versuchen den richtigen Bus zur Weiterfahrt zu finden.

Überall nur kyrillische Schriftzeichen, die ich nicht lesen kann, Menschen, die wenig bis gar kein Englisch sprechen (das war Zufall, die restlichen Tage konnten wir uns gut verständigen), dazu eine Mischung aus sozialistischen Bauten aus den 70ern und zerbröselnden Altbauten, ich bin völlig übermüdet, es ist warm und mein Rucksack schwer. Doch das Yolostel, in dem ich ein Zimmer reserviert hatte, entschädigt uns für jeglichen Anfangsstress: Fischgrätparkett, pastellfarbene Wände, große Fenster, ein weitschweifender Balkon und endlich die langersehnte heiße Dusche.

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„Belgrad hat sich in den letzten Jahren echt gemacht“, hatte mir eine serbische Freundin im Vorfeld erzählt; doch zum Glück ist es nicht so „gemacht“, dass man vor lauter Gentrifizierungs- und Sanierungswut nicht mehr erkennt, dass hier auch noch Einheimische leben. Im Gegenteil: Belgrad wirkt erstaunlich untouristisch und ziemlich entspannt.

Das war nicht immer so. Nachdem das „zweite Jugoslawien“ (genauer: Die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien) 1991 aufgelöst worden war, hatte man Belgrad zur Hauptstadt der neuen Bundesrepublik Jugoslawien gemacht. Doch durch das Regime von Slobodan Milošević litt die Stadt unter Mangelwirtschaft und weiteren Problemen, es gab zahlreiche Proteste und Ende der 1990er gipfelte das Ganze im Kosovokrieg, in dem der Kosovo um seine Unabhängigkeit kämpfte. Letztlich sah sich die NATO 1999 genötigt, Luftangriffe auf Belgrad zu fliegen: Noch heute steht mitten in der Stadt das von Bomben schwer zerstörte Verteidigungsministerium (siehe Bild ganz unten). Man hat es weder abgerissen noch wiederaufgebaut – es soll allen eine Mahnung sein.

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Auch an anderen Stellen der Stadt wird deutlich, dass hier einmal andere Zeiten geherrscht haben. Spaziert man durch das Savamala-Viertel in der Nähe des Bahnhofs, so ist das Déjà-vu besonders stark: Von den einst prachtvollen Fassaden der Altbauten blättert der Putz, die Fensterrahmen wirken brüchig und das Kopfsteinplaster hat große Lücken. Die Assoziation mit Prenzlauer Berg und Friedrichshain nach dem Fall der Mauer (und bis weit nach der Jahrtausendwende) ist also gar nicht so weit hergeholt.

Vor allem, weil dieses charmant-verfallene Viertel ebenfalls bedroht ist: „Belgrade Waterfront they call it, those stupid people“, schimpft die junge Hostelbesitzerin. Irgendwelche Scheichs aus Abu Dhabi hätten kürzlich mit den Stadtoberen einen Vertrag unterschrieben, man wolle das komplette Viertel abreißen und durch Schickimicki-Hochhäuser, Einkaufszentren und glitzernde Promenaden ersetzen. Was mit den bisherigen Bewohnern passiert, scheint den Herren egal zu sein, groß angelegte Proteste hätten bisher nichts bewirkt. Wir teilen einen Moment den Ärger über luxussanierte Wohnungen, steigende Mieten und Verdrängung der weniger gut situierten Menschen.

Natürlich, das ist uns allen bewusst, sind wir gleichermaßen Teil des Problems. Das Yolostel liegt in der Nähe des Parks „Kalemegdan“ und am „Studentski Trg“ und somit inmitten eines Viertels voller schöner, junger Menschen. Als wir im Café Smokvica zwei „Kafa“ bestellen und dabei in einem Raum mit Dielenboden, Kachelofen und alten Sofas sitzen, fehlen eigentlich nur die Menschen, die auf ihr Macbook starren – sonst ist alles genauso hübsch gentrifiziert wie in Berlin. Trotzdem gehen wir am nächsten Morgen im Supermarket frühstücken, einem Concept store mit Café in einer alten Lagerhalle, in dem ich Pancakes mit Ahornsirup und einem frischen Kaffee für unter vier Euro esse und uns das englischsprachige Magazin „Belgrade Insight“ auf den neuesten Stand bringt.

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„Das Prinzip besteht darin, die Grenzen ständig zu überschreiten“

Belgrad ist keine „schöne“ Stadt in dem Sinne, aber diese eigentümliche Mischung aus brutal wirkenden sozialistischen Großbauten und kleineren Altbauhäusern mit Stuckverzierungen, geheimnisvollen Hinterhöfen, verschnörkelten Firmenschildern, der Fremdheit der kyrillischen Schrift und diesen alten, knallroten Straßenbahnen hat mich sofort eingenommen. Belgrad, wir sehen uns sicherlich wieder!

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Kategorie Allgemein

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