Zu Besuch in… der Siemensstadt

siemensstadt

Fräulein Julia auf „Architektour“: Diesmal in der Siemensstadt, der Spielplatz für Bauhaus-Architekten wie Walter Gropius.

Genau 100 Jahre ist es her, dass Berlin am 27. April 1920 mit der Eingemeindung von verschiedenen Städtchen im Umland – und zwar Charlottenburg, Schönberg, Wilmersdorf, Neukölln, Lichtenberg und Spandau (wobei Spandau laut gängigem Witz noch immer nicht zu Berlin gehört) – von einem kleinen Gebiet zu „Groß-Berlin“ wurde, wie wir es heute kennen. Die Industrie florierte, es gab die Borsig-Werke, AEG und Siemens, die Tausende von Berliner*innen beschäftigte.

siemensstadt

Um den Mitarbeiter*innen von Siemens auch ein preisgünstiges und stilvolles Wohnen zu ermöglichen, plante man ab Ende der 1920er Jahre die Großsiedlung Siemensstadt im Nordwesten Berlins: Bauhaus-Chef Walter Gropius hatte hier maßgeblich seine Finger im Spiel, aber auch Otto Bartning, Fred Forbat, Hugo Häring, Paul R. Henning und Hans Scharoun (der das städtebauliche Konzept verantwortete) gehörten zu den Herren, die ihre Duftmarke hinterlassen wollten.

siemensstadt

Es gab kleine, standardisierte Wohnungen mit viel Licht, dazu etliche Grünflächen zwischen den Gebäuden zur Erholung. Auch wenn man keine der Räumlichkeiten von innen sieht (es sei denn man kennt jemanden, der dort wohnt), lässt sich diese Intention gut erkennen: Klare Strukturen und Linien, Balkone an jeder Wohnung, ausreichend Platz zwischen den Häusern für märkischen Sand und Kiefern im Berliner Wind. (Man könnte hier eine Parallele zur Gartenstadt Falkenberg, auch „Tuschkastensiedlung“ genannt, ziehen – doch die enstand bereits ab 1912).

siemensstadt

Weil jeder der beteiligten Architekten letztendlich dennoch eine andere Vorstellung von modernem Wohnen hatte, wirken die Gebäude wie ein „Best of Modernes Bauen“ – aber das macht auch den Reiz aus, wenn man zwischen ihnen hindurch läuft. Am „Eingang“ in der Goebelstraße kann man sich einen Straßenplan aushändigen lassen, auf dem alle Häuser mit den Namen ihrer Erbauer verzeichnet sind; Infotafeln bieten auf dem Spaziergang durch die Siedlung noch weitere Details.

siemensstadt

So erfährt man zum Beispiel, dass der Bau von Hans Scharoun (siehe Bild ganz oben) „Panzerkreuzer“ genannt wurde, oder das die lange und schwungvoll wirkende weiße Zeile in der Goebelstraße „Langer Jammer“ heißt (siehe drittes Bild rechts). Sie stammt von Otto Bartning und wird so genannt, weil sie auf einem der ungüngstigen Grundstücke der Siedlung steht und nach Ost-West ausgerichtet ist – alle anderen Bauten haben eine Nord-Süd-Ausrichtung für den perfekten Lichteinfall.

siemensstadt

Ich weiß nicht, wie es zu damaligen Zeiten hier ausgesehen hat, ob es schon ein so ruhiges Viertel war, wie es das heute ist. Ein Spaziergang durch die Siemensstadt lohnt sich aber auf jeden Fall für alle, die Interesse an Architektur beziehungsweise an Bauhaus und dem Modernen Bauen haben!

Weitere Informationen zur Großsiedlung Siemensstadt gibt es zum Beispiel bei Visit Berlin. Das Info-Häuschen hat offiziell wohl nur samstags von 13-17 Uhr geöffnet, doch auch am Sonntag war jemand vor Ort. Die nächste U-Bahn-Station ist Siemensdamm (U7).