Zu Besuch in… der „Tuschkastensiedlung“

Tuschkastensiedlung

Der Berliner Jargon hat für zahlreiche Gebäude und Gebiete einen eigenen Namen entwickelt. So auch für die Gartenstadt Falkenberg in Grünau.

Als ich das erste Mal zu einem Fotospaziergang durch Grünau aufbrach, machte mir die S-Bahn einen Strich durch die Rechnung – drei Stunden  tingelte ich im Schienenersatzverkehr durch die Stadt, ohne mein Ziel je zu erreichen. Eine Woche später waren mir die Nahverkehrsgötter aber besser gesonnen, auch der Spätsommer gab sich alle Mühe und ließ die Farben der „Tuschkastensiedlung“ ganz besonders erstrahlen.

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Hinter diesem ausgefallenen Wohnort steckt Bruno Taut, einer der wichtigsten Vertreter des „Neuen Bauens“, welches um die Jahrhundertwende zahlreiche Bauprojekte und Siedlungen, vor allem in Berlin, hervorbrachte. Eigentlich hätte die Gartenstadt viel größer werden sollen, ungefähr 1500 Wohnungen für 7000 Menschen waren geplant. Doch der erste Weltkrieg brachte das Vorhaben zu Fall, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen musste der Architekt kürzer treten. Geblieben sind zwei Straßen – der Akazienhof und der Gartenstadtweg – in denen sich insgesamt 128 Wohnungen befinden, die mittlerweile unter Denkmalschutz stehen.

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Auch jetzt noch wirken die Häuschen, die mal in sattem Rot und Orange, mal in knalligem Blau und Grün gestrichen sind, außergewöhnlich – aber wie muss das erst um 1912 gewesen sein! Früher strich man Gebäude nicht, diese hatten schlicht die Farbe ihrer Baumaterialien, alles andere war Schnickschnack. Bruno Taut sah das anders. Zusätzlich holte er sich den Gartenarchitekt Ludwig Lesser ins Boot, der für jedes Haus einen Mietergarten anlegte.

Hier konnten die Bewohner ihr Gemüse selbst anbauen, es gab Obstbäume und Blumenranken – und viel frische Luft. Man wollte raus aus den erdrückenden Mietskasernen der Innenstadt und der „Berliner Luft“, die damals aufgrund der weiträumigen Industrie eher weniger frisch war. Die Gartenstadt wurde Zuhause für Anhänger der Reformbewegung – also Vegetarier, Antialkoholiker, Kleidungsreformer – , die sich von der Enge des Kaiserreiches befreien wollten.

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Heutzutage ist davon nicht mehr viel zu spüren. Doch mit ein bisschen Fantasie kann man sich bei einem Spaziergang immer noch vorstellen, wie es damals hier zugegangen sein muss…

Die Gartenstadt Falkenberg findet ihr rund um die Straßen Akazienhof und Gartenstadtweg. Die nächste Haltestelle ist S-Bahn Grünau.

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