Zwiebelhonig und andere Experimente

Berlin-Logbuch XXI: „Sie leben! Nach tagelangem, verzweifeltem Versuch, die Leute aus der Chaos-WG ans Telefon zu bekommen, war ich endlich erfolgreich.“

Sie sind also nicht klammheimlich an die Ostsee verschwunden, oder auf einem Festival hängen geblieben. Also habe ich mich kurzfristig zu der völlig verklatschten Runde am Küchentisch gesellt, die noch unter den Nachwirkungen der letzten Nacht litt (sie hatten sich anscheinend nach einem ihrer Konzerte im Stil ganz großer Rockbands halb zu Tode gesoffen), und deshalb auch nicht ganz dazu im Stande war, die interessanten Lebensmittelexperimente auf ihrem Küchentisch zu meiden.

Was zunächst nach übertriebener Dekadenz aussah (man konnte vor lauter Lebensmitteln die Tischplatte nicht mehr erkennen) stellte sich dann einfach nur als gesammelter Nahrungsmittelrest der letzten Tage heraus, dem man zum größten Teil lieber kritisch gegenübertreten sollte, bzw. erst einmal einen Blick auf das Haltbarkeitsdatum werfen sollte. Neben dem von H. gegen Erkältung kreierten „Zwiebel-Honig“ konnte man diversen an Vertrocknung gestorbenen und dementsprechend übel riechenden Käse begutachten, oder sich an der Geruchs- und Geschmacksprobe von dickflüssig und klumpig gewordener Vollmilch beteiligen. Die stellte sich jedoch als ziemlich unspektakulär heraus, weil sie sowohl geschmacks- als auch geruchsneutral war. Aber wohl trotzdem nicht sehr hilfreich für einen Magen, der sich noch von einer durchzechten Nacht erholt.

Das riesige Stück Schinken, welches schon das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten hatte, als ich und es nach Berlin kamen, liegt übrigens immer noch im Kühlschrank. Nachdem vor zwei oder drei Wochen beschlossen wurde, ihn lieber zu meiden, weil er einen komischen Nachgeschmack mit sich trug, wurde er aufgrund einer Entscheidungszwickmühle erstmal wieder zurück in den Kühlschrank gelegt. Und da befindet er sich wie gesagt immer noch, und ich würde mich nicht wundern, wenn er irgendwann früh morgens nach einer wilden Partynacht einem ausgehungertem WG-Bewohner als Bestandteil einer selbst kreierten Schinken-Käse-Sauce oder ähnlichem dient. Die Haltbarkeit diverser Lebensmittel wird hier nämlich etwas anders gehandhabt; ich erinnere mich nur an die Schüssel Spinat, die ich bei meinem ersten Aufenthalt vergessen hatte zu leeren, und die ungefähr eine Woche später Hanno als Frühstück diente. Ich habe ihn übrigens noch gar nicht danach gefragt, ob er irgendwelche Nebenwirkungen bemerkt hat.

Berlin

Nach ausgiebigem Abendessen habe ich mich dann damit beschäftig, Joschka eine Stunde lang vollzutexten (was beweist, das ich wirklich kein Koks nehmen muss, um von einem Redeschwall befallen zu werden), während er versucht hat, sich etwas zu regenerieren. Denn auch wenn die letzte Nacht wohl ziemlich hart war, wollten wir trotzdem auf das Konzert der Jungs im Café Rosa gehen – schließlich waren die auch da, wenn auch total verkatert und wenig ansprechbar. Da hilft nur ein Konter-Bier.

Nach dem wunderbaren Konzert (H. als Duracell-Häschen, S. mit der wunderschönen Stimme, und H. und J. mit ihren Gitarren) hatte ich mich dann breit schlagen lassen, mich noch mit dem Herrn Zeitungsaboverkäufer zu treffen (naja, breit schlagen ist ein klitzekleines bisschen übertrieben), der mich vorher angerufen hatte, weil er der Meinung war, das er nicht mehr warten könne, bis ich zurück in Bonn sei. Herrje. Diese ganzen Dates sind ja fast schon stressig! Wie stellt man sich einen Menschen vor, der seine Zeit damit verbringt, den Leuten Zeitungsabos zu verkaufen? Genau so war er drauf. Er hat die ganze Zeit geredet – hauptsächlich davon, wie erfolgreich er damit ist, Filmmusik und Popsongs (uaargh) zu
schreiben und diese selber zu produzieren. Bei Popmusik muss ich immer an Britney Spears, oder viel schlimmer, an Modern Talking denken.

Zwei Stunden habe ich mir sein Gerede angehört, dann bin ich plötzlich ziemlich müde geworden. Es ging mir  auf die Nerven, dass er die ganze Zeit behauptet hat, nur Berlin wäre die einzig wahre Stadt, in keiner anderen würde es eine so große Kunst- und Musikszene geben wie hier. Völliger Mist – in Köln gibt es mindestens genauso viel, nur eben auf die Anzahl der Leute abgestimmt. Und es ist auch völliger Quatsch zu behaupten, nur in Berlin könne man durch die Straßen ziehen, ohne jemanden zu treffen den man kennt oder die gleichen Leute zu sehen. Ähm – ob er Köln wohl für ein kleines Dorf hält?

Für ihn zählte nur Berlin; so toll wie diese Stadt könne Köln ja gar nicht sein – und das behauptete er, obwohl er noch nie dort gewesen ist! Ab da an hatte er bei mir verloren, und das war schon nach ungefähr einer halben Stunde. Getoppt hat er es nur noch dadurch, dass ich meinen KiBa in der Dachkammer selber bezahlen musste. Gut, das klingt jetzt wohl ziemlich eingebildet, aber ich bin da einfach mal der altmodischen Meinung, das der Typ beim ersten Date (danach zahle ich auch gerne selber, so ist das nicht!) ruhig bezahlen sollte. Es ist ja nicht so, dass ich jemanden zwinge, ein Drei­ Gänge-Menu alleine auf seine Rechnung gehen zu lassen, aber so ein lächerlicher KiBa von zwei Euro wird doch wohl drin sein. Deswegen war ich ziemlich überrascht, als er zu der Kellnerin sagte: „Getrennt bitte!“.

Ich bin jetzt aber auch ein bisschen verwöhnt durch G., der sich im Rosis sogar Geld geliehen hat, um mir ein Getränk bezahlen zu können… (Was ich natürlich nicht zugelassen habe)
Im Nachhinein war dieses Date also ziemlich anstrengend, vor allem weil ich dauernd meine
Ansichten verteidigen musste, und er am Anfang zu mir meinte, ob ich denn „mehr so langweilig“ sei, nur weil ich viel Zeit mit Lesen verbringe! Also bitte! Das gehört schließlich zu meinem Studium, und ist nebenbei mein größtes Hobby!

Jedenfalls habe ich nicht das geringste Bedürfnis, ihn noch einmal wieder zu sehen. Auch wenn
er sich zum Abschied ganz nett für den Abend bedankt hat, und meinte, er müsse mich unbedingt in den Arm nehmen um mir ein Küsschen auf die Wange drücken zu können. Jetzt muss ich mir Alternativen überlegen, damit ich nicht dauernd an der Warschauer Brücke auf ihn und seinen Zeitungsstand treffe.

Playlist:
Mia.: „Hungriges Herz


Dies ist ein Text aus meinem „Berlin-Logbuch 2005“.
Alle Texte findet ihr hier!