Zwischen Rebellion und Rüschen

Foto: Flickr / Keppet

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Studentenrevolte, Flower Power, Minirock: Über die wilden 1960er Jahre hat man schon viel gehört und gelesen. Dennoch ist der Roman „Roter Winter“ von Annemarie Weber erfrischend anders – denn er wurde bereits 1969 veröffentlicht und spricht somit mitten aus dem Geschehen.

Eigentlich hat sie alles: eine stilvolle Wohnung im Berliner Westend, elegante Kleidung, Einladung zu edlen Empfängen und Modenschauen, zwei anspruchslose Söhne und einen mehr als nachsichtigen Ehemann. Dennoch lässt sich Lili Abelssen immer wieder auf Affären ein – und zwar vorwiegend mit seltsamen Liebhabern, die dem gängigen Schönheitsideal durch schlecht sitzende Anzüge, schiefe Zähne und Halbglatzen so gar nicht entsprechen. Außerdem sind die meisten Marxisten, ein Detail, das in besagtem Jahrzehnt für ordentlich Sprengstoff sorgt.

Ihren liberalen Ehemann, der sich selbst die ein oder andere amour fou gönnt, bezieht sie dabei stets ein: Gemeinsam nehmen sie an Demonstrationen teil, in denen die Masse Parolen brüllt und mit Steinen wirft – ihre Kleidung für solche Aktionen legen sie sich vorher sorgfältig zurecht, denn auch in solchen Situationen muss um jeden Preis das Gesicht gewahrt werden:

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„Herr und Frau Abelssen sahen sich plötzlich in der ersten Reihe, einer Kette von Polizisten und dem Springer-Haus direkt gegenüber. […] Vor einigen Monaten noch hatten sie dort oben im Hochhaus an einem Empfang teilgenommen, einem Gala-Abend internationaler Mode […] Jetzt standen sie davor und sahen hinauf zu den erleuchteten Fensterreihen; vom Haß, der die Demonstranten erfüllte, waren sie mitgerissen, obwohl sie sich ständig prüften, ob es sich um ein massenhysterisches Mitgerissensein handelte oder um eine persönlich überzeugte Gegnerschaft.“
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CoverNeben nächtelangen Diskussionen mit Studenten über die politischen Gegebenheiten („Lili, gehörst du auch zu den Leuten, die sagen: ‚Haut doch ab in den Osten?‘ Begreife doch: Was Marx wollte, ist überhaupt noch nirgends verwirklicht!“) in West-Berlin und der DDR, hat das Ehepaar noch eine andere Tradition, frischen Wind in ihre festgefahrene Ehe zu bringen: Sie spielen Karten – und erzählen sich dabei Zukunftsvisionen über ihre Beziehung, bei der die Schwachstellen des Partners bis über die Schmerzgrenze hin gedrückt werden. Man imaginiert den Tod des anderen in allen Einzelheiten, sinniert über Trennung, Ehebruch, Liebschaften und Verlust. Mitunter treiben die beiden dabei einen dicken Keil zwischen sich – oder sie lösen die Wut im Anschluss zwischen den Laken auf.

Roter Sommer von Annemarie Weber ist kein Roman mit akribisch erzählter Handlung, es ist vielmehr ein Sittenbild der späten 1960er Jahre in Berlin, der die vielen Stränge der damaligen Zeit vereint. Das Ganze ist nicht ausschließlich, aber durchaus autobiographisch gefärbt, denn Annemarie Weber gehörte in den sechzigern zur Berliner Bohème – es werden also sicherlich einige Anekdoten im Text verarbeitet worden sein.

Wie sie das Aufeinandertreffen von zwei Welten – APO, Studentenrevolte, Hippies gegenüber dem „Spießertum“ – in Worte fasst, ist wahrlich gekonnt und auf jeden Fall lesenswert!

Annemarie Weber: Roter Winter. Aviva Verlag, 2015. Gebunden, 350 Seiten, 19,90€. ISBN: 978-3-932338-67-0

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